Von Lisa Mailänder
Wer bei dem neuen Roman von Caroline Wahl denkt, er könne es mit genau so einer mitreißenden Geschichte wie der von Tilda und Ida aus „22 Bahnen“ zu tun haben, liegt falsch. „Die Assistentin“ ist ein Versuch in eine ganz andere literarische Richtung, gewagt und experimentell, und leider auch nicht ganz so gelungen.
Caroline Wahl ist 2023 mit ihrem Debütroman „22 Bahnen“ bekannt geworden. Es war ein großer Erfolg, den sie erst kürzlich, im Herbst letzten Jahres, mit einer Verfilmung krönen konnte. Die Studentin Tilda lebt mit ihrer kleinen Schwester und alkoholkranken Mutter in einer Kleinstadt. Sie ist die einzige Bezugsperson für die beiden. Der Kampf durch den Alltag, die liebevolle Fürsorge, die Sturheit, mit der Tilda trotzdem an ihrem Recht auf eigenes Glück festhält und der stürmische, unmittelbare Schreibstil fesseln einen direkt. Betäubend und berauschend zugleich zieht einen die oft abgehackte, schnellschrittige Sprache hinein in einen Strudel aus Belastbarkeitsgrenzen und Widerstandsfähigkeit. Auch der zweite Teil „Windstärke 17“ ist nicht weniger gut angekommen. Die Geschichte der beiden Schwestern wird fortgesetzt, jetzt jedoch aus der Sicht der kleinen Schwester Ida. Ganz anders hingegen verhält es sich mit ihrem nun dritten Roman, der im August 2025 bei Rowohlt herauskam.
Die Protagonistin Charlotte ist fertig mit ihrem Masterstudium und möchte eigentlich weiter an einer Musikhochschule studieren. Ihr Traum ist es, Popmusikerin zu werden. Auf Druck ihrer Eltern entschließt sie sich jedoch dazu, eine Stelle als Assistentin eines renommierten Verlegers in München anzunehmen. Dass sich das als keine gute Entscheidung herausstellt, erfährt der Leser in den ersten Zeilen. Der Verleger entpuppt sich als ein narzisstischer Choleriker, dessen unberechenbares Verhalten für Charlotte immer mehr zum Verhängnis wird.
Es ist keine Überraschung, dass das Ende der Geschichte gleich zu Beginn preisgegeben wird, denn Caroline Wahl folgt einer gänzlich neuen Struktur und Erzählweise in ihrem Roman. Wo Wahl in ihren ersten beiden Werken mit der Ich-Perspektive eine unmittelbare Nähe kreiert, greift sie jetzt zu einer distanzierteren Erzählweise in der dritten Person. Die Sprache ist gewählter und in verschachtelte Satzstrukturen gebettet. Ihr Wortschatz einfach und modern. Der Aufbau der Geschichte bedient sich einer konsequenten Vorwegnahme der katastrophalen Entwicklung Charlottes. Man könnte sagen, der Roman besteht grundsätzlich aus der Ankündigung von schlimmen Ereignissen in der Zukunft, die dann kurz vor Ende zumindest andeutungsweise eingelöst werden.
Doch die Auflösung lässt auf sich warten und der Plot zieht sich. Während zu Beginn alles bezüglich des Verlegers noch gar nicht so schlimm ist wie am Ende, richtet sich Charlotte in ihrem neuen Leben ein. Sie bezieht eine neue Wohnung, kämpft sich neben weiteren Assistentinnen zur ersten und vertrautesten Ansprechpartnerin des Chefs. Zwischen der Zubereitung von Protein Power Bowls als Mittagessen für den Chef und dem Schreiben von Emails schieben sich immer wieder Meta-Erzählschnipsel.
Spätestens nach dem ersten Drittel fragt man sich, was es eigentlich auf sich hat mit diesem Text. Man kommt nicht an Charlotte ran, da, jedes Mal, wenn man gerade denkt, sich ihr zu nähern, eine vermittelnde Erzählinstanz dazwischen schießt. Sie beschließt kurzerhand „zeitliche Raffungen“ vorzunehmen, lässt detaillierte Schilderungen aus, mit der Begründung, sie würden nur ermüden, und suggeriert in lässigem Ton eine kleine Liebesgeschichte einzubauen: „Was spricht dagegen, ein wenig Leichtigkeit in ihre Geschichte hineinzuzaubern?“ Es erinnert an frühe Romane wie „Tristram Shandy“ von Laurence Sterne oder „Jacques der Fatalist und sein Herr“ von Diderot, in denen meist höchstgradig unzuverlässige Erzähler eher die Erzählweise als die Erzählung selbst zum Thema haben. Die Erzählinstanz aus „Die Assistentin“ ist keck, selbstbewusst und macht sich nichts daraus, die Leser*in an der Nase herumzuführen. So stellt sie zu Beginn des 30. Kapitels fest: „Die Dramaturgie ist irgendwie gar nicht so gut, es schleppt sich. Wann geht’s endlich ab?, wird sich der Leser fragen.“ Um dann gleich anschließend die Erwartungen zu enttäuschen mit: „Aber Spoiler: so richtig abgehen wird es nicht.“ Die Erzählinstanz spielt mit den Leser*innen. Die Geschichte Charlottes rückt in den Hintergrund und Reflexionen über die Machart der Erzählung ziehen einen großen Teil der Aufmerksamkeit auf sich. Es liegt der Erzählinstanz nicht viel daran, das Erzählte wirklich erlebbar zu machen. Im Gegenteil, sie wirft einen immer wieder bewusst aus der Erzählung hinaus. Beziehungsweise kommt man eigentlich gar nie richtig rein.
Dies könnte ein raffinierter Kunstgriff sein und den Mut, sich an solch ein Konstrukt heranzutrauen, muss man Wahl zusprechen. Das Problem ist nur, dass es nicht ganz aufgeht. Weder die schnippische Erzählinstanz noch die Erzählung Charlottes kommen richtig rüber. Charlotte fehlt es an psychologischer Tiefe, ihr Arbeitsalltag bleibt vorwiegend banal, und als Leser*in wird man von der Erzählinstanz überwiegend enttäuscht als spielerisch provoziert.
Gegen Ende überzeugt Wahl dann nochmal, wenn die Geschichte ihre lang ersehnte Katastrophe erreicht. In flimmernden Sätzen zieht sie die Leser*in in einen Sog aus Panik und Verzweiflung, dass einem taumelig wird. Daneben zählen die Dialoge mit zu den stärksten Passagen des Romans. In Gesprächen zwischen Charlotte und Bo, dem Bär, Charlottes kleiner Romanze, oder Jeanne, einer Mitarbeiterin, schafft Wahl es mit nur wenigen Worten, einen knisternd erlebbaren Zwischenraum zu öffnen. Es ist dieser knappe Wortstil, abgehackt und stürmisch, den man aus ihren vorherigen Romanen schon kennt. Hier paraphrasiert und behauptet Wahl nicht, sondern findet einen authentischen Ton.
Für die Zukunft bleibt zu sagen, liebe Frau Wahl: mehr Drama und weniger Paraphrase.
