https://pixabay.com/de/photos/braunb%c3%a4r-grizzlyb%c3%a4r-b%c3%a4r-raubtier-7591629/, Foto: ambquinn

Von Josephine Ellermeyer

Foto von Josephine Ellermeyer

Es gibt Texte, die stoßen mit ihrer Thematik an, irritieren und provozieren. Bär ist ein solcher Roman – vor allem, wenn berücksichtig wird, dass er bereits in den 70er Jahren in den USA erschien. Marian Engel, die bekannt dafür ist, Frauen ins Zentrum ihrer Texte zu stellen, erzählt hier die erotische Liebesgeschichte einer Frau zu einem Bären.

Lou arbeitet zurückgezogen und einsam als Archivarin für ein historisches Institut: „Im Winter lebte sie wie ein Maulwurf, tief vergraben in ihren Papieren, und wühlte zwischen Karten und Manuskripten.“ Als sie damit beauftragt wird, einen Nachlass auf der abgeschiedenen Insel Cary Island zu dokumentieren und dort hinzieht, begegnet sie auf dem dortigen Anwesen einem domestizierten Bären.

Während ihrer Zeit auf der Insel sichtet und ordnet Lou die Notizen und Dokumente des verstorbenen Colonel Cary und katalogisiert dessen Bibliothek. Zu ihren Aufgaben gehört es jedoch auch, die Versorgung des Bären zu übernehmen. Ihr Verhältnis ist zunächst von Fürsorge geprägt. Mit der Zeit nähert Lou sich dem Bären immer mehr an, was schließlich in sexuellen Handlungen gipfelt.         

Der Bär, den Lou zu Beginn der Geschichte eher abschätzig betrachtet und hässlich findet, wird in ihrer Sehnsucht nach Nähe sukzessive zum zahmen Vertrauten auf der sonst menschenleeren Insel. Sie unternimmt Spaziergänge mit ihm; gemeinsames Baden im Fluss und Aufenthalte des Bären im Haus bestimmen ihre Zeit: „Neben ihm zu sitzen gab ihr ungekannten Frieden.“

Während der Bär immer menschlicher zu werden scheint, wird Lou zunehmend tierischer: „Vertraut und intensiv war ihr gemeinsames Leben. Sie wusste, dass ihr Fleisch, ihr Haar, ihre Zähne und ihre Fingernägel nach Bär rochen, und sie empfand diesen Geruch als köstlich“. Sie schüttelt ihr altes Leben ab. Umgeben von Natur und Wildnis entfremdet Lou sich immer mehr vom Menschsein und der Zivilisation. Gleichzeitig scheint sie sich selbst und einem menschlichen Urzustand immer näher zu kommen. In ihrer fortschreitenden Selbstannäherung sehnt sie sich nach Zuneigung. Diese erhält sie von dem Bären. Als von ihr vermenschlichter Partner spendet er ihr Liebe und körperliche Nähe: Er „war gut zu ihr. […] Legte einmal beinahe liebevoll eine sanfte Tatze auf ihre bloße Schulter.“         

Auf dem Höhepunkt ihrer Beziehung und Lous internalisiertem tierischen Verhalten teilt sie ihr Frühstück mit dem Bären und nimmt die Tierstellung – auf allen vieren – in Vorbereitung auf Geschlechtsverkehr mit ihm ein. Ihre Zeit mit dem Bären auf der Insel empfindet sie als Katharsis: „Sie hatte nicht das Gefühl, endlich Mensch geworden zu sein, sondern endlich rein geworden zu sein. Rein und einfach und stolz.“

Bildlich und poetisch schreibt Marian Engel diese Liebesgeschichte – wobei sich die Frage aufdrängt, ob dies wirklich Liebe genannt werden kann. Die Grenzen zwischen Mensch und Tier, Liebe und Trieb verschwimmen in diesem Roman, der auch als Emanzipationsgeschichte gelesen werden kann. Der Bär, hier als Symbol der Wildnis zu verstehen, ist zugleich ein besonders wirkungsstarkes Bild, um dieser weiblichen körperlichen Selbstfindung Ausdruck zu verleihen. Die in Bär beschriebene Welt ist fiktional. In dieser sind die zwischen Lou und dem Bären beschriebenen sexuellen Handlungen eine extreme Darstellung, die für eine Radikalität der sich selbst ermächtigenden und emanzipierenden Protagonistin stehen.

Der Roman ist anstößig, da die Protagonistin mit der Wildnis ‚schläft‘, um auszubrechen und sich selbst du entdecken. Bär zu lesen ist verstörend und großartig zugleich. Dieser Roman ist metaphorisch stark aufgeladen, ein Aufschrei sowie Akt weiblicher Selbstbestimmung.

Engel, Marian (2005): Bär. Zürich: Unionsverlag. Aus dem Englischen von Gabriele Brößke. Die Originalausgabe erschien erstmals 1976.