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Love, Simon

Von Finn Heuper

Foto von Finn Heuper

Simon ist 16 Jahre alt, Harry-Potter-Fan, Musikenthusiast, Oreo-Connaisseur, großer und kleiner Bruder, bester Freund, Teil der Schultheatergruppe und Hundebesitzer. Er muss in den sich verändernden Dynamiken seiner Freund*innengruppe manövrieren, seine neugierigen Eltern auf Abstand halten und sich mit der Schule herumschlagen. Und er wird erpresst. Denn während all die anderen Dinge, die ihn ausmachen, kein Geheimnis sind, weiß niemand, dass Simon schwul ist. Niemand außer Blue, dessen echten Namen Simon nicht kennt und mit dem er nur per E-Mail in Kontakt steht. Als diese Mails in die falschen Hände geraten, droht sein und Blues Geheimnis aufzufliegen. 

Simon ist ein Ich-Erzähler mit einer Vorliebe für Satzfragmente und einer Erzählweise, die nicht nur unterhaltsam, sondern auch sehr persönlich ist. Dadurch, dass zwischen den Kapiteln immer wieder Mails von Simon und Blue abgedruckt sind, lässt sich nachvollziehen, wie sich die Beziehung der beiden zueinander entwickelt, wie sie einander kennenlernen, Vertrauen aufbauen, herumalbern, flirten, Geheimnisse teilen. So lernen Leser*innen beide Figuren kennen, obwohl Blues Identität lange ein Rätsel bleibt.

Becky Albertallis Young-Adult-Roman nimmt die Leser*innen emotional mit – auch beim fünften, sechsten, zehnten Lesen können sie Simons Aufregung nachfühlen, wenn eine Nachricht von Blue ankommt, können über das Oreoparadies lachen, möchten Simon am liebsten in den Arm nehmen, wenn ihn sein Geheimnis belastet, und wünschen sich vielleicht selbst eine*n Blue. Simon ist nicht nur ein sehr sympathischer Protagonist, er ist vor allem auch authentisch. Das gilt für alle Figuren in diesem Roman: Keine von ihnen ist perfekt, alle haben ihre Macken und Fehler und werden dadurch menschlich. Sogar Simons Erpresser wird nicht als durchweg böser Mensch gezeichnet, auch seine Motive und Gedanken bekommen Raum, ohne dass dadurch seine Tat entschuldigt oder gerechtfertigt wird.

Simon vs. the Homo Sapiens Agenda ist ein Buch für alle Menschen, unabhängig von Alter, Gender oder Sexualität. Simons Homosexualität macht nicht seine ganze Persönlichkeit und nicht den ganzen Inhalt des Romans aus, denn wie jeder Mensch hat Simon unzählige Facetten. Demnach können sich nicht nur queere Personen in ihm wiederfinden. Leser*innen, die sich bisher noch nicht mit dem Thema LGBTQ+ auseinandergesetzt haben, werden durch das Lesen daran herangeführt und für queere Themen und Problematiken sensibilisiert. Beispielsweise in Hinblick auf die Homophobie, die Simon erfährt. Neben offenem Mobbing in der Schule wird vor allem die unterschwellige und unreflektierte Homophobie zur Sprache gebracht, die uns täglich begegnet und die oft als Scherz dargestellt wird, der ‚ja gar nicht so gemeint ist‘. Auch Simons Vater macht solche ‚Witze‘, was zu Spannungen zwischen ihm und Simon führt. „‚Do you like it better when I lie about things? It probably sucks for you that you can’t make fun of gay people anymore. […] That awkward moment when you realize you’ve been making gay jokes in front of your gay kid for the last seventeen years.‘“       

Gleichzeitig zeigt Albertalli in ihrem Roman, dass Menschen sich weiterentwickeln können, und wie wichtig Kommunikation ist. Zudem wird beim Lesen deutlich, dass ein Coming-out nicht zwingend mit der eigenen sexuellen Orientierung oder Genderidentität zu tun haben muss, sondern alle Menschen immer wieder kleinere und größere Coming-outs durchleben, nämlich jedes Mal wenn sie eine neue Facette ihrer selbst zeigen und mit den Reaktionen ihres Umfelds konfrontiert werden.

Simons Geschichte ist nicht nur in der LGBTQ+-Community schnell zu einem der bekanntesten Young Adult Romane der letzten Jahre geworden, sondern hat darüber hinaus weite Kreise gezogen und den Mainstream erreicht, wozu auch die Verfilmung von 2018 beigetragen hat. So bietet Simon vs. the Homo Sapiens Agenda (vor allem jungen) queeren Personen eine positive Identifikationsfigur und allen Leser*innen die Möglichkeit zur Perspektivübernahme.

Becky Albertalli, Simon vs. the Homo Sapiens Agenda, New York: Balzer + Bray 2015.