Von Hannah Heuper

„Mein liebes Muttilein! […] Diesmal werd ich Dir von der ganzen letzten Woche ausführlich berichten.“

Als Lili Cassel 14 Jahre alt war, wurde sie gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester Eva nach England geschickt, erst zwei Jahre später war die Familie wieder vereint. Grund dafür war die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933. Lili war nur eines von vielen Kindern, die aufgrund der antisemitischen und rassistischen Politik der NS-Regierung ohne ihre Eltern in ein fremdes Land emigrieren mussten. Kontakt zur Familie war – wenn überhaupt – nur durch Briefe möglich. Sofern diese erhalten sind, können sie heute Aufschluss darüber geben, wie Kinder und Jugendliche ihre Situation empfanden beziehungsweise wie sie den Angehörigen davon berichteten. Auch Lili Cassel schrieb ihren Eltern Briefe aus England, von denen einige heute im Deutschen Exilarchiv (DEA) liegen, dem sie einen Splittervorlass übergab.

Lili, 1924 als Kind jüdischer Eltern in Berlin geboren, wurde im Winter 1938 auf die Stoatley Rough School in Haslemere, Surrey, geschickt, nachdem die antisemitische Stimmung in Deutschland in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 in den sogenannten Novemberpogromen eskaliert war. Die Schule war 1934 von Hilde Lion, einer jüdischen Soziologin und Frauenrechtlerin in Zusammenarbeit mit dem Germany Emergency Committee gegründet worden. Lion war selbst ein Jahr zuvor aus Deutschland emigriert. Das Internat sollte emigrierte jüdische Kinder aus Deutschland und Österreich aufnehmen und auf den Unterricht in britischen Schulen vorbereiten.

Während ihrer Trennung schrieben Lili und ihre Eltern einander viele Briefe, um sich zu vergewissern, dass sie alle wohlauf sind, und um weiter am Leben der anderen Personen teilzuhaben. Lili berichtete in ihren Briefen vom Unterricht, besonders von den Literatur- und Kunststunden, von anderen Schüler*innen und den Lehrkräften. Über ihren Physiklehrer etwa beschwerte sie sich und schrieb an ihre Mutter: „Mr. May war unverschämt. Während die Schüler sich anstrengen musste [sic], setzte er sich gemütlich mit einer Tasse Tee und Keksen hin und ass und trank.“ Ihre Erzählungen illustrierte sie mit kleinen Zeichnungen, mal schwarz-weiß, mal in Farbe, die ihre Liebe zur Kunst zeigen, die sie sich ein Leben lang erhielt.

In ihrem Brief vom 16. Juli1939 berichtete Lili ihrer Mutter von einem Schulfest. Oben links ist sie selbst zu sehen, von ihrer jüngeren Schwester Eva gezeichnet.
Digitalisat: Deutsche Nationalbibliothek, Deutsches Exilarchiv 1933-1945, Frankfurt am Main.

Ein besonderes Stück, das die erwachsene Lili ebenfalls dem DEA überließ, ist A London Diary, ein liebevoll illustriertes Manuskript, in dem sie einen Besuch in London im Winter 1939/40 festhielt. Dorthin war ihr Vater 1939 emigriert, während Mutter und Großmutter zunächst nach Brüssel gezogen waren. Aus ihren Beschreibungen und Zeichnungen lässt sich viel über das Leben in London während des Zweiten Weltkriegs erfahren. So zeichnete Lili beispielsweise die fluoreszierenden weißen Blumen, die sich viele Menschen an die Kleidung hefteten, um nachts Zusammenstöße zu vermeiden. Denn die Verdunkelung, die als Schutz vor Luftangriffen dienen sollte, machte jedweden nächtlichen Straßenverkehr gefährlich. Auch die Sperrballons, die zur Abwehr feindlicher Flieger über der Stadt schwebten, und Eingänge zu Luftschutzräumen sind auf ihren Bildern zu sehen.

BU: Das Deckblatt des London Diary zeigt Lili, die auf einem Sperrballon über der Skyline Londons schwebend Skizzen macht.
Digitalisat: Deutsche Nationalbibliothek, Deutsches Exilarchiv 1933-1945, Frankfurt am Main.

Doch obwohl der Krieg auf diese Weise Eingang in ihre Zeichnungen fand, berichtete sie in diesem Tagebuch vor allem von fröhlichen Erlebnissen. Beispielsweise von einer Weihnachtsfeier, bei der viele Spiele gespielt wurden, von einer, kriegsbedingt eher schlichten, Hochzeit und von mehreren Theateraufführungen, die sie mit Vater und Schwester besuchte. Dazu gehörte ‚Lady Precious Stream‘, ihrer Meinung nach „the loveliest theatreplay in London“. Ihre farbenfrohen, lebendigen Zeichnungen geben das Beschriebene detailliert wieder und zeigen ihre Freude an der Kunst, die in ihrem bewegten Leben eine Konstante bot. Das London Diary kann heute in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt als Digitalisat eingesehen werden und ist auch in der Dauerausstellung des DEA zu sehen.

Dass Lili im Alltag hauptsächlich Englisch sprach, machte sich auch in ihren Briefen bemerkbar. Während sie anfangs bis auf einzelne Phrasen oder Zitate auf Deutsch schrieb, wechselte sie in späteren Briefen immer öfter ins Englische und verfasste auch ihr „London Diary“, das als Geschenk für eine befreundete Familie gedacht war, auf Englisch. Damit war sie kein Einzelfall: Kindern und Jugendlichen fiel es im Exil oftmals leichter als Erwachsenen, die Sprache ihrer neuen Umgebung zu erlernen, die sie ja im Alltag brauchten. Die Eltern, die von ihnen getrennt in Deutschland verblieben, hatten häufig Angst, dass ihre Kinder Deutsch verlernen könnten, oder hatten selbst Schwierigkeiten, die fremdsprachigen Briefe zu verstehen. Die manchmal jahrelange räumliche Trennung konnte dadurch auch eine Entfremdung zur Folge haben.

Auch Lilis Familie kam erst nach zwei Jahren wieder zusammen und emigrierte im Mai 1940 gemeinsam in die USA. Dort studierte Lili Kunst, später arbeitete sie als Kinderbuchillustratorin sowie Kalligraphin und machte so ihre Leidenschaft zum Beruf.