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Von Lea Möller

„Entwürfe guten Lebens sind vielleicht so verschieden wie die Personen, um deren Entwürfe es geht“, so ist auf der Webseite des 2020 an der Justus-Liebig-Universität (JLU) gestarteten Projekts „Formen des guten Lebens“ zu lesen. Doch: „Was ist gutes Leben?“

Motiviert durch ihre Erfahrungen mit der Corona-Pandemie fand sich unter anderem auf Initiative von Ansgar Nünning, Professor für englische und amerikanische Literatur- und Kulturwissenschaften, eine Gruppe zusammen, die sich seither mit dieser Frage auseinandersetzt. „Ohnehin beschäftige ich mich in Wissenschaft, Forschung und Lehre nur mit Themen von wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Relevanz“, so Nünning in einem persönlichen Interview. Das Thema des guten Lebens habe aufgrund der vielen Krisen zunehmend an Bedeutung gewonnen. Deshalb konzipierte die Forschungsgruppe einen Fragebogen, bei dem jede*r zwei Fragen einreichen konnte, die persönlich wichtig, einschlägig, aber auch relevant für das Thema waren. Auch wurde auf Pluralität beim Sammeln der Fragen gesetzt. „Uns ging es bewusst darum, nicht normativ zu sein“, so Nünning.

Wichtig für das Projekt sei auch die Beteiligung von Menschen außerhalb der JLU gewesen. Laut Nünning sei dies die „Third Mission“ einer Universität: der Wissenstransfer in die Gesellschaft. Auch   Joachim Jacob, Professor für Neuere Deutsche Literatur, liegt viel an diesem gemeinsamen Austausch: „Es macht Spaß und ist interessant zu lesen, was fremde Menschen über Themen denken, über die man sicher selbst schon mehr oder weniger intensiv nachgedacht hat.“ Sein eigenes Projekt in diesem Forschungszusammenhang beschäftigt sich übrigens mit dem Garten im 18. Jahrhundert als einem „Ort und Laboratorium guten Lebens“.

„Good vibrations“

Wer zum guten Leben forscht, der muss auch eine ungefähre Vorstellung davon haben, was es für ihn oder sie bedeutet. Als „bekennender Pazifist“ versteht Nünning darunter sehr Verschiedenes: Tiere, Natur und das Reisen gehören für ihn dazu und: „Good Vibrations sind das wichtigste überhaupt“, sagt er. Gutes Leben und gute zwischenmenschliche Beziehungen sind für ihn eng miteinander verbunden. Deshalb habe sich Nünning während der Corona-Pandemie auch bemüht, durch die wöchentlichen „Episteln“, an die Studierenden gerichtete Briefe zu seinen Vorlesungen, ebendiese Stimmung zu schaffen. Gutes Leben ist ihm als Projekt für die ganze Lebensspanne wichtig. Die bildungsbürgerliche Sicht, man müsse mindestens das Abitur haben, studieren, immer nur zur Uni gehen und dann auch noch viel lesen, hält Nünning für verfehlt und definiert gutes Leben deshalb keineswegs über Status, Einkommen und materiellen Besitz.

Studieren: Gemeinsam denken, Literatur erleben, Neues erfahren…

Auf die Frage, ob das Studieren mit dem Führen eines guten Lebens vereinbar sei, antwortet Jacob, dass ein Studium für ihn intuitiv überhaupt nur Sinn als Teil eines guten Lebens mache. Wobei Studieren nicht gleich „Uni“ sei: „Vieles von dem, was im Rückblick als ganz Wichtiges zu meinem Studium gehörte, hat sich außerhalb von Seminaren und Vorlesungen abgespielt.“ Wie gut das Leben in und mit seinem Studium tatsächlich war, habe er oft erst später erkannt. Germanistik beruflich im akademischen Kontext auszuüben, ist für ihn das „perfekte gute Leben“. Sich mit Kunst und Literatur zu beschäftigen, mit jungen, neugierigen Menschen zusammenzuarbeiten, gemeinsam etwas herauszubekommen und neue Dinge zu erfahren, findet Jacob großartig. Ebenso verhalte es sich mit der Möglichkeit, Fragen stellen zu dürfen, auf die es keine eindeutige Antwort gebe und sich in abseitige Themen einzuarbeiten. Nicht zuletzt stark mit dem guten Leben verbunden sei es, den unendlichen Reichtum menschlicher Phantasie zu erleben, aus dem heraus immer wieder neue Literatur entstehe.

Fragen

Den Reichtum menschlicher Phantasie zeigt auch der Fragebogen als Forum gemeinsamen Nachdenkens. Ob man die Antworten zum Gegenstand der Forschung mache, sei laut Nünning „noch völlig offen“. Unabhängig davon ermutigt er zum Ausfüllen des Fragebogens. Auf die Frage, ob man zuerst die Antworten der anderen lesen solle, entgegnet er: „Wenn ich Studierenden etwas rate, dann ist es immer: ‚Selbst nachdenken!‘“. Dazu regte auch der zum Projekt gehörige Fotowettbewerb Bilder guten Lebens an, bei dem Teilnehmende über einen Upload-Link Bilder hochladen konnten, die für sie das gute Leben illustrierten. Zu finden sind die Ergebnisse auf der Webseite des Projektes. Ob es in Zukunft nochmal einen solchen Wettbewerb oder andere Aktionen geben wird, ist noch unklar – „Schau’n wir mal!“, so Jacob.

Link zum Projekt: https://www.uni-giessen.de/de/fbz/rcsc/research/literatur-gutes-leben/gutesleben 

Unterstützung, wenn das Leben nicht gut ist, gibt es hier: https://www.uni-giessen.de/de/fbz/zentren/zfbk/PBS/pbsstart (Psychologische Beratungsstelle der JLU)