Von Lorenz Schmitt

„‚Hallo Paradies‘, flüstert Schwein. ‚Hoffentlich haben die offen‘, sagt Gott.“ – So oder so ähnlich mag es klingen, wenn Schwein und Gott sich auf die Suche nach dem Jenseits machen. Zumindest in der Vorstellung der Schweizer Schriftstellerin Noemi Somalvico muss diese Konversation einmal so stattgefunden haben. In ihrem Debütroman Ist hier das Jenseits, fragt Schwein hat sie sie 2022 zu Papier gebracht und lässt uns seither an dieser ungewöhnlichen Expedition teilhaben. Dabei kommt die Autorin in ihrem Buch tatsächlich ganz ohne menschliche Figuren aus. Für die Bezeichnung ‚Roman‘ zweifellos eine innovative Herangehensweise. Zumal für eine Veröffentlichung, die die Ausweisung von Genrezugehörigkeiten ebenso vermeidet wie eine eindeutige Aussageabsicht.

Genereüberschreitend, klug und nahbar: Noemi Somalvico lädt in „Ist hier das Jenseits, fragt Schwein“ ihre Lesenden auf ein essentialistisches Gedankenspiel ein. In ihrem kommenden Werk „Das Herz wirft in der Brust keinen Schatten“ widmet sie sich dem Zwischenmenschlichem.

Mit ihrem Text formuliert Somalvico vielmehr eine Einladung an uns, allzu starre Leseerwartungen abzulegen und Ist hier das Jenseits, fragt Schwein eher als Sprach- und Phantasieexperiment zu lesen. Nehmen wir diese Einladung an, so begeben wir uns mit einer ziemlich ungewöhnlichen Reisegruppe auf eine Erkundungstour zwischen Diesseits und Jenseits, werden Zeug*innen allerhand kurioser Begebenheiten und folgen der Spur dessen, was echte Menschlichkeit bedeuten kann.

Im Mittelpunkt der erzählten Welt stehen Tiere mit allzu menschlichen Problemen und Gefühlen. Da sind Schwein, das vor kurzem von Biber verlassen wurde und nun mit Liebeskummer zu kämpfen hat, Reh, dessen Leben sich irgendwo zwischen Arbeit, Schwimmengehen und der Sorge um die kranke Mutter abspielt und zusätzlich durch das ungeklärte Verhältnis zu Hirsch belastet wird, und Dachs – ein Tüftler und Erfinder –, der eine Maschine entwickelt, mit der man durch Raum und Zeit zu Gott reisen kann. Für die zutiefst traurigen und einsamen Tiere ist das eine willkommene Ausflucht aus ihrem Trott, doch treffen sie ausgerechnet in ihrem Schöpfer einen Gleichgesinnten, der seinem Alltag ebenfalls lethargisch gegenübersteht: „Wenn aber der Tag sein Licht abgibt, der Vogel die erste Strophe seines Abendliedes anstimmt, weiß Gott nicht, ob er bleiben will. Es dünkt ihn, er wohne hier, seit es ihn gibt.“

Ein Melancholiker wacht über die Erde

Gott ist drauf und dran, dem ein Ende zu setzen und auszuwandern, als der Besuch von Dachs und Schwein sein Vorhaben durchkreuzt. Gemeinsam betrachten sie die Erde, die sich in seinem Wohnzimmer in einer Art Miniaturformat um die eigene Achse dreht: „Obschon das System meistens einwandfrei funktioniert, hat Gott an der einen oder anderen Stelle etwas Kleber gebraucht oder Schnur, und der Mond sieht seit einigen Jahren irgendwie krümelig aus.“

Immer wieder treten solche Stellen auf, die sich als Bezug auf die gegenwärtige Situation unserer Welt lesen lassen. Die Beziehung zwischen Schöpfer und Schöpfung scheint im Roman entfremdet zu sein. So sind versteckte Reminiszenzen an den Klimawandel mit Gottes gegenwärtigem Gemütszustand verwoben: „Willst du so viele Städte, so viel Verkehr? Mit deiner passiven Haltung geht dieses Ding früher oder später den Bach runter“, wird er von seinen Kolleginnen und Kollegen kritisiert.

Somalvico interessiert sich nicht für religiöse Fragen, auch strengen theologischen Paradigmen hängt sie nicht nach. Ihre Gottesfigur ist wie jede andere in dieser fiktiven Welt ein Produkt der Phantasie. Zwar ist Gott nicht wie im Sinne Nietzsches tot, aber eine Auszeit bräuchte er dennoch einmal. Dass aber auch jene Entrücktheit unmittelbare Auswirkungen auf die Erde und ihre Bewohner hat, davon weiß auch dieser Text zu berichten: „Man sollte die Erde keinem Melancholiker überlassen. Die Wesen, die darauf leben, werden nach seinem Ebenbild beschaffen sein.“ Vor allem Schwein und Reh erweisen sich in dieser Hinsicht als Paradebeispiele. Die Tiere sind durch ihr Empfinden auf das engste mit ihrem Schöpfer verbunden.

In diesem Roman hat es niemand leicht, weshalb alle Beteiligten die unvermittelt entstandene Gemeinschaft und deren sich entfaltende Sinnstiftung zu schätzen wissen. Gemeinsam nehmen sich Dachs und Schwein Gottes an und nach einigen ausgedehnten Besuchen beginnen sie ihre Reise ins Jenseits, von dem niemand so genau weiß, was und wo es eigentlich ist. Schließlich entpuppt es sich als ein Wellness-Resort, in dem Schwein seinem Leben eine neue Wendung geben kann. Gott hingegen bleibt weiter untröstlich und erkrankt schwer. Erst zurück in seiner Welt kann für ihn der Genesungsprozess beginnen. In der Rückschau entpuppt sich der Ausflug ins Jenseits als zeitlich begrenzt. Und dennoch hat er bei allen tiefe Eindrücke hinterlassen, die die Rückreise überdauern und ein Stück des Jenseits auch im Diesseits erfahrbar machen.  

Eine moderne Fabel ohne Moral

Noemi Somalvico ist mit dieser Erzählung eine moderne Fabel gelungen, die die Grundzüge des Menschseins ebenso tiefsinnig wie anrührend beleuchtet und dabei gleichzeitig völlig von menschlichen Handlungsträgern abstrahieren kann. Allerdings steht sie nur insoweit in der Tradition klassischer Fabeldichter wie Äsop oder La Fontaine, als dass sie sich gleichsam wie die genannten genreprägenden Vorgänger für Tiere als handelnde Wesen entscheidet. Auf eine eindeutige moralische Lehre verzichtet sie hingegen vollständig. Stattdessen werden immer wieder Gelegenheiten herausgestellt, die zum eigenständigen Nachdenken anregen wollen. Stellen, an denen auch die Protagonisten nicht mehr weiterwissen, bleiben als solche offen und werden gerade nicht künstlich auserzählt: „Glück ist ein kurzer Frass, denkt Gott, als er die Treppe hochsteigt, und weiss nicht, was er damit meint.“

Auch mit einem weiteren großen Verwandten der Weltliteratur hat diese Erzählung wenig gemein. Wer aufgrund handelnder Tiere an George Orwells Animal Farm denken muss, bringt die bei Somalvico vorherrschende Melancholie fälschlicherweise mit der Ausweglosigkeit der dystopischen Gattung in Verbindung. Dabei bestehen in Ist hier das Jenseits, fragt Schwein Formen der Traurigkeit gerade auch neben solchen der Rührung und Belustigung und werden um eine durchaus lebensbejahende Perspektive ergänzt. Getragen wird all dies von dem poetischen Sprachstil der Autorin, der ebenso pointiert wie bildhaft daherkommt: „In Schweins Wohnung ist es still, als habe es geschneit. Vom Bett aus sieht Schwein zum Fenster. Dem Himmel ist heute keine Farbe gelungen.“

Bei der Lektüre dieser Erzählung gilt es, vieles einfach erst einmal so hinzunehmen wie es ist. In seiner Handlung überschaubar, besticht Ist hier das Jenseits, fragt Schwein dabei besonders durch seine untypischen Figuren mit allzu anrührender, menschlicher Charaktertiefe. Wer das Wagnis schafft und sich darauf einlassen kann, durchlebt eine außergewöhnliche, überraschend nahbare Leseerfahrung.