Von Lena Schäfer

Für Germanist*innen ist es völlig selbstverständlich, zu lesen und von Lesenden umgeben zu sein. Wir kaufen Bücher, lesen sie und sprechen darüber. Für viele klingt das nach Uni-Alltag, nicht nach Trend. Anders sah die Realität der letzten Jahre aus: Lesen galt als aussterbendes Hobby. Nun ist es auf Social Media plötzlich populär geworden: Lesen, über Bücher sprechen, sie einander empfehlen – nur eben mit Kamera, Likes und den Hashtags #Bookstagram oder #Booktok.

Lesen ist wieder sichtbarer: auf Instagram, TikTok, in Buchhandlungen, Bibliotheken und Buchcafés. Doch was steckt hinter diesem „Hype“? Ist es ein nachhaltiges Comeback des Buchs oder lediglich ein neues Vermarktungssystem? Antworten darauf geben Menschen, die mitten in der Branche arbeiten – Buchhändler*innen, Blogger*innen, Creator*innen und Verlagsmitarbeiter*innen.

Im stationären Buchhandel ist der Einfluss sozialer Medien deutlich spürbar – allerdings nicht überall gleich. Vor allem große Ketten reagieren schnell auf Trends. Emma, eine Buchhändlerin der Buchhandlung Jena-Süd, berichtet, dass sich während ihrer Ausbildung bei Thalia „das Booktok-Regal von einem halben Meter auf drei Regalmeter vergrößert“ habe. Genres wie Romance und New Adult würden gezielt ausgebaut, ergänzt durch Farbschnitte und Sondereditionen, die visuell auf Social Media funktionieren.

Auch das Kaufverhalten habe sich verändert. Kund*innen kämen zwar selten mit Listen, aber mit Screenshots aus TikTok-Videos. „Ich habe schon diverse Male versucht, Buchtitel aus TikTok-Screenshots heraus zu entziffern“, erzählte Emma. Einzelne Titel könnten dadurch explosionsartig gefragt sein.

Demgegenüber schildern Buchhändler*innen unabhängiger Läden eine andere Realität. Dort spiele der Hype eine geringere Rolle, persönliche Beratung stehe stärker im Vordergrund. Mirka, Buchhändlerin der Buchhandlung Lüders in Hamburg, betont, Buchhandlungen seien „nicht nur Einkaufsorte, sondern auch Kulturorte“, in denen Austausch, Lesungen und Gespräche stattfinden. Auch Jule, Buchhändlerin aus Rosenheim, beschreibt Buchläden als entschleunigende Räume, die bewusst einen Gegenpol zum digitalen Tempo bilden.

Für Blogger*innen steht weniger der Verkauf als der Austausch im Zentrum. Mehrere Interviewte beschreiben Bookstagram als unterstützende Community. „Da es beim Lesen nicht um Leistung geht, haben (die meisten) keinen Bedarf, sich zu übertrumpfen“, sagt Maribel von @ctrlaltmaribel auf Instagram. Lesen werde hier nicht bewertet, sondern geteilt.

Viele Creator*innen sind aus persönlichen Motiven zu Bookstagram gekommen – als kreativer Ausgleich und emotionaler Rückzugsort. Die Community spielt dabei eine zentrale Rolle. „Ohne die Community würde meine Plattform gar nicht funktionieren“, sagt Jana von @booksncofffee auf Instagram. Kommentare, Nachrichten und gemeinsame Leseformate machen das Lesen zu einer sozialen Praxis.

Gleichzeitig reflektieren Blogger*innen kritisch ihre eigene Rolle. Maribel merkt an, das vor allem ohnehin gehypte Bücher Reichweite bekommen: „Meistens laufen die Bücher gut, die sowieso schon gehyped werden – was ehrlich gesagt, schade ist.“ Der Algorithmus begünstige Bekanntes, wodurch unbekanntere Titel schnell untergehen.

Die Frage, ob Bookstagram eher Werbung als Literaturvermittlung sei, wird von den Beteiligten unterschiedlich beantwortet – aber selten eindeutig. Jana sagt offen: „Natürlich mache ich mit jedem Post Werbung für ein Buch“, betont aber zugleich, dass sie nur Bücher empfehle, die sie selbst gelesen habe. Für viele Blogger*innen bleibt Bookstagram ein Hobby, keine professionelle Marketingplattform.

Auch aus Verlagsperspektive wird Social Media nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung klassischer Vermittlungsformen verstanden. Christine, Blogger*innen-Relations im Dumont Verlag, beschreibt die Zusammenarbeit mit Creator*innen als besonders persönlich und wertschätzend. Empfehlungen auf Social Media seien emotionaler und zugänglicher als klassische Feuilletonkritiken. „Natürlich will ich wissen, was ein Buch in dir ausgelöst hat“, sagt Christine – genau darin liege die Stärke dieser neuen Öffentlichkeit.

Gleichzeitig weist Christine darauf hin, dass Social-Media-Erfolg nicht ausschlaggebend für Programmentscheidungen sei. Das Buch müsse weiterhin zum Verlag passen; Social Media sei ein „Add-on“, kein Kriterium.

Miriam ist Teil des Accounts @literally des BR auf Tiktok. Sie ordnet den Trend breiter kulturkritischer ein. Einerseits mache Social Media Literatur zugänglicher und gemeinschaftlicher. Andererseits führe es zu einer starken Konsumorientierung: Bücher würden schneller gekauft als gelesen, Sonderausgaben gesammelt, erfolgreiche Tropen massenhaft reproduziert. Miriam spricht von einer „Wegwerfkultur“, besonders im Bereich der Genreliteratur.

Gleichzeitig betont sie, dass Booktok und Bookstagram keineswegs nur triviale Literatur puschen. Auch gesellschaftspolitisch relevante Texte, Klassiker oder Grenzgänger zwischen Pop und Literatur funktionierten; abhängig von Community und Ansprache.

Ein zentraler Konflikt betrifft jedoch problematische Inhalte und Altersfragen. Emma äußert deutliche Kritik am Dark-Romance-Trend, insbesondere daran, dass sehr junge Leser*innen Bücher konsumieren, deren Inhalte explizit sexualisierte Gewalt oder toxische Beziehungsdynamiken enthalten. Dass solche Texte, anders als Filme oder Spiele, kaum reguliert sind, wird als strukturelles Problem benannt.

Hier zeigt sich eine Spannung zwischen Sichtbarkeit und Verantwortung: Social Media macht Bücher zugänglicher, aber nicht automatisch einordnend. Weder Blogger*innen noch Buchhändler*innen können den Konsum kontrollieren. Die Frage, wer Verantwortung für Kontextualisierung und Schutz übernimmt, bleibt offen und wird im gegenwärtigen „Hype“ kaum verhandelt.

Ein weiterer Aspekt betrifft nicht die Rezeption, sondern die Produktionsbedingungen von Literatur. Jule und Christine weisen darauf hin, dass Social-Media-Hypes enormen Zeitdruck erzeugen – nicht nur für Verlage, sondern auch für Übersetzer*innen. Wenn ein Buch plötzlich viral geht, müssen Nachauflagen, Übersetzungen und Marketingmaßnahmen beschleunigt werden.

Diese Beschleunigung steht in einem Spannungsverhältnis zur literarischen Arbeit selbst. Übersetzen, Lektorieren und Produzieren brauche Zeit, die im Hype-Zyklus oft fehle. Die neue Sichtbarkeit von Büchern hat damit auch strukturelle Konsequenzen für Arbeitsbedingungen innerhalb der Branche.

Ob es sich also um ein echtes Comeback des Buches handelt oder um eine Umcodierung literarischer Praxis, bleibt offen. Klar ist: Lesen ist sichtbarer geworden. Es hat neue Öffentlichkeiten, neue Rituale und neue ökonomische Dynamiken hervorgebracht.

Vielleicht liegt die Stärke von Bookstagram weniger darin, neue Leser*innen zu schaffen, als darin, Lesen neu zu rahmen: nicht als Pflicht oder Bildungsmarker, sondern als geteilte Erfahrung. Oder wie es Mirka formuliert: „Wer einmal gemerkt hat, wie viel Ruhe es einem gibt, so richtig in einem Buch abtauchen, der wird es nicht mehr missen wollen.“