Von Lena Schäfer

Tommie Goerz’ Roman „Im Schnee“ erzählt eine Geschichte, in der wenig geschieht, und gerade darin liegt seine Stärke. In einem kleinen Dorf, eingeschlossen von Schnee und Stille, richtet der Text den Blick auf das, was bleibt, wenn ein Leben endet: Erinnerungen, Rituale, gemeinsame Geschichten. Der Roman entfaltet sich langsam, beinahe geräuschlos, wie der Schneefall, der seine Welt bedeckt.

Erzählt wird aus der Perspektive des alten Max, eines Dorfbewohners, dessen Stimme ruhig und unaufgeregt durch das Geschehen führt. Anlass der Handlung ist der Tod von Schorsch, einer Figur, die im Dorf von allen gekannt und gemocht wurde. Für ihn wird, wie es im Dorf seit jeher Brauch ist, das „Totenglöckchen“ geläutet.

Im Zentrum des Romans steht die nächtliche Totenwacht, an der die Männer des Dorfes teilnehmen, während tagsüber die Frauen wachen. In dieser Nacht werden Erinnerungen erzählt: Abende in der Wirtsstube, die Arbeit auf den Feldern, das enge Zusammenleben, die Ablehnung der Städter. Es sind einfache Geschichten, oft unterbrochen von Schweigen, gelegentlich von Diskussionen darüber, was nach dem Tod kommt und ob Schorsch „in den Himmel gehört“. Bei Schorsch ist es eine einfache Entscheidung: er gehört in den Himmel.

Der Erzähler bleibt dabei weitgehend zurückhaltend. Obwohl er die Gedanken verschiedener Figuren aufgreift, bewertet er ihre Gespräche nicht. Er lässt sie stehen, so selbstverständlich wie sie im Dorf geführt werden. Immer wieder zeigt sich dabei, wie stark Nähe und Enge miteinander verbunden sind. Das Dorf erscheint klein und persönlich, zugleich aber auch als ein Raum, aus dem es kaum ein Entkommen gibt.

Besonders eindrücklich ist der Fokus auf kleine, unscheinbare Details. Dass Schorsch Äpfel mochte und nun mit einem Apfel begraben wird, wirkt zunächst nebensächlich, verleiht dem Verlust jedoch eine große Nähe. Solche Details tragen den Roman; sie machen aus der Trauer etwas Konkretes und Greifbares. Passend dazu beschreibt der Erzähler die Leere nach dem Tod mit den einfachen Worten: „Draußen standen die Apfelbäume im Schnee wie zuvor. Nichts hatte sich verändert. Doch auf einmal war es leer zwischen ihnen. Und auch dahinter … und in der Küche … und überall …“.

Am Morgen verlässt Max die Totenwacht mit der Erkenntnis, dass nichts bleibt, außer den Erinnerungen und auch diese nur so lange, wie jemand lebt, der sie bewahrt. Kurz darauf begegnet er einem „jungen“ Wanderer, dem er sich anvertraut und mit dem er das Dorf verlässt. Als Max am nächsten Tag gesucht wird, findet man ihn tot in der Kälte, auf einer Bank sitzend, den Blick in die Landschaft gerichtet.

Die Sprache des Romans ist schlicht und klar. Sie drängt sich nicht auf, sondern lässt Raum für Stille. Das Dorf wirkt klein, vertraut, beinahe wie aus den Erzählungen der eigenen Großeltern. In dieser Welt kennt jeder jeden, alles wird gemeinsam erlebt, und das Leben verläuft in festen Bahnen. „Im Schnee“ spiegelt damit die Lebenswirklichkeit vieler alter Menschen auf dem Land, ohne sie zu idealisieren oder zu kommentieren.

Um es zu sagen, wie der Wanderer: „»Das ist für mich wie eine andere Zeit. Und für die Leute auch. Deshalb. Ich will so etwas festhalten, denn so lebt heute keiner mehr, höchstens in Rumänien. Oder vielleicht in Kasachstan oder im tiefsten Russland. Du lebst hier noch, wie … wie soll ich das sagen … wie meine Oma. Hier in diesem Dorf, in einer kleinen Welt. Wie vor fünfzig oder siebzig Jahren. Als wenn bei dir die Zeit stehen geblieben ist.«

»Wir leben hier alle so.«“ 

Der 176 Seiten lange Roman erschien im Piper Verlag (ISBN 9783492073486) und ist inzwischen auch als Ausgabe der Büchergilde (Art.-Nr. 176939) erhältlich.

Mehr über Tommie Goerz unter: https://www.tommie-goerz.de/