Von Dicle Satik
Ein Kind sitzt beim Arzt und übersetzt für seine Mutter Gespräche, die eigentlich für Erwachsene bestimmt sind. Solche Situationen bilden den Ausgangspunkt von Tahsim Durguns Buch „Mama, bitte lern Deutsch“. Der Autor erzählt darin vom Aufwachsen in einer kurdisch-deutschen Familie und beschreibt, wie Sprache über Teilhabe, Selbstbestimmung und manchmal sogar über Sicherheit entscheidet. Was zunächst wie eine persönliche Familiengeschichte wirkt, entwickelt sich schnell zu einer Beobachtung gesellschaftlicher Wirklichkeit in Deutschland.
Durgun wurde zunächst durch satirische Videos in sozialen Medien bekannt, in denen seine Mutter eine zentrale, wenn auch meist unsichtbare Rolle spielt. Auch im Buch ist sie die prägende Figur. Die Aufforderung des Titels erweist sich dabei nicht als Vorwurf, sondern als Ausdruck eines inneren Konflikts: Einerseits sehnt sich der Sohn danach, von der Last des permanenten Dolmetschens befreit zu werden. Andererseits wünscht er sich Anerkennung für eine Frau, deren Lebensleistung von außen kaum wahrgenommen wird. Besonders deutlich wird dieser Konflikt an einer Stelle des Buches, in der Tahsim seine Mutter fragt, warum sie nie richtig Deutsch gelernt habe. Ihre Antwort macht die Situation vieler Einwander*innen sichtbar: „Von wem denn, mein Sohn? Wer hätte mir Deutsch beibringen sollen?“ „Ich war doch immer nur hier. Alleine mit euch.“ In diesem Moment wird deutlich, dass fehlende Sprachkenntnisse nicht nur ein persönliches Versäumnis sind, sondern auch mit Isolation, Arbeitsverhältnissen und gesellschaftlichen Strukturen zusammenhängen.
In ihrer Muttersprache jedoch erweist sie sich als sprachlich kreative Persönlichkeit mit großer Ausdruckskraft. Als „Königin der Metaphern“ beschreibt er sie und zeigt damit, wie stark Sprache sein kann, auch wenn sie gesellschaftlich nicht anerkannt wird. Das zeigt sich etwa in einer Szene, in der sie ihren Kindern erklärt, dass Geduld im Leben notwendig sei: „Das Leben schmeckt manchmal bitter, denn die Süße braucht Zeit.“. Im Kontrast dazu fühlt sie sich im deutschen Alltag unsicher, weil ihr die sprachlichen Mittel fehlen. Rückblickend erinnert sich Durgun an ihre Erklärung, wenn sie wieder einmal vergeblich versucht hatte, mit Deutschen zu reden: „Sie wollten mich nicht“. Besonders eindringlich wird dieser Unterschied zwischen den Generationen in einer Passage, in der Durgun beschreibt, dass seine Mutter diejenige sei, die die Familie zusammenhalte, obwohl sie sein eigenes Buch vermutlich nie lesen könne. Sprache erscheint hier nicht nur als Mittel der Verständigung, sondern auch als Grenze, die selbst innerhalb der eigenen Familie spürbar wird.
Das Buch macht sichtbar, wie früh Verantwortung in Einwandererfamilien verschoben wird. Durgun begleitet seine Mutter zu Behörden, übersetzt bei Arztterminen und lernt Deutsch nicht nur aus Interesse, sondern aus Notwendigkeit. Er beschreibt rückblickend, dass er sich die Sprache aneignete, um verstanden zu werden und um in einer Gesellschaft bestehen zu können, in der seine Familie mit dem Verlust des Aufenthaltsrechts konfrontiert wurde und die Verantwortung plötzlich auf den Jugendlichen übergeht. Bürokratische Abläufe erscheinen hier nicht als neutrale Verwaltung, sondern als existentielle Bedrohung.
Gleichzeitig zeigt Durgun, dass Ausgrenzung selten offen geschieht, sondern sich oft in beiläufigen Bemerkungen und alltäglichen Situationen äußert. Schon früh beschreibt er, wie kulturelle Unterschiede markiert werden, etwa wenn er und sein Mitschüler Hamza automatisch als „anders“ eingeordnet werden: „Welche Kinder in der Klasse müssen in den Deutsch-Förderunterricht? Hamza und Tahsim.“ Vor diesem Hintergrund wird auch die Szene beim Schulbasar verständlich, in der eine der Mütter den von Durguns Mutter zubereiteten Kisir probiert und bemerkt: „Mein Gott, das ist scharf! Wie sollen die Kinder das essen?“. Hier wird deutlich, wie scheiber harmlose Kommentare Abwertung ausdrücken können. Der Autor beschreibt dabei nicht nur die Reaktionen seiner Umgebung, sondern auch seine eigenen widersprüchlichen Gefühle zwischen Scham und Loyalität gegenüber seiner Mutter. Gerade diese Selbstreflexion verleiht dem Text Glaubwürdigkeit und verhindert eine einseitige Darstellung.
Trotz der Schwere der Themen bleibt der Ton des Buches zugänglich. Humor und Ironie stehen neben nachdenklichen Beobachtungen über Sprache, Zugehörigkeit und gesellschaftlichen Erwartungen. Sprache erscheint dabei als zentrales Motiv, das sowohl verbinden als auch ausschließen kann. Durgun zeigt, dass Verständigung nicht allein vom Beherrschen einer Sprache abhängt, sondern auch von der Bereitschaft, einander zuzuhören.
Über die persönliche Geschichte hinaus eröffnet „Mama, bitte lern Deutsch“ eine weitere Perspektive. Die Erfahrungen der Familie stehen exemplarisch für viele Menschen mit Migrationsgeschichte, ohne dabei verallgemeinernd zu wirken. Gerade in der Verbindung von persönlicher Erzählung und gesellschaftlicher Einordnung liegt die Stärke des Buches. Gerade weil Debatten über Migration häufig verallgemeinernd geführt werden, gewinnt Durguns persönliche Perspektive besondere Relevanz. Es lädt dazu ein, vertraute Sichtweisen zu hinterfragen und Debatten über Migration aus einer menschlicheren Perspektive zu betrachten.
Tahsim Durgun – Mama, bitte lern Deutsch
Knaur
208 Seiten
18 Euro
ISBN 978-3-426-56114-0