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Von Dicle Satik

„Die Frage war weniger, was ich studieren will, sondern ob ich mir das überhaupt leisten kann.“ Mit dieser Überlegung begann für eine BWL-Studentin aus Gießen der Weg an die Hochschule. Interviews mit vier Studentinnen der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) und der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) zeigen: Finanzielle Unsicherheit prägt den Studienalltag vieler Arbeiterkinder – insbesondere zu Beginn des Studiums.

Dass soziale Herkunft weiterhin maßgeblich über Bildungschancen entscheidet, betont auch die Initiative ArbeiterKind.de. Während 78 Prozent der Kinder aus Akademikerfamilien ein Studium aufnehmen, seien es bei Kindern aus Nicht-Akademikerfamilien nur 25 Prozent. Die bundesweit aktive Organisation richtet sich an Studierende und Studieninteressierte aus nicht-akademischen Familien und setzt sich für mehr Bildungsgerechtigkeit ein. Laut Homepage sei es das Ziel, insbesondere Erstakademiker*innen zu ermutigen, den Schritt an die Hochschule zu gehen und sie beim Übergang ins Studium zu unterstützen.

Besonders Erstsemester berichten von großen Sorgen zu Studienbeginn. Eine BWL-Studentin im ersten Semester erwähnt, „dass das BAföG nicht reicht oder zu spät kommt“. Gleichzeitig habe sie die Frage beschäftigt, „ob ich Studium und Nebenjob gleichzeitig schaffe, ohne komplett überfordert zu sein.“

Ähnlich äußert sich eine Erstsemesterstudentin, die Biologie an der JLU studiert. „Meine einzige Sorge ist, dass ich meinen Eltern eine finanzielle Last bin – obwohl es uns finanziell gut geht“, sagt sie. Diese Verantwortung habe ihren Start in das Studium stark geprägt. Sie arbeitet neben der Uni als Werkstudentin im Einzelhandel, um unabhängiger zu sein. Zwar versuche sie ebenfalls, ihre Arbeitszeiten an den Stundenplan anzupassen, doch ein gewisser Zeitdruck sei dennoch spürbar.

Für viele ist das BAföG eine zentrale Stütze. Drei der vier Befragten finanzieren ihr Studium maßgeblich darüber. Gleichzeitig wird der Antragsprozess als belastend erlebt. „Die Formulare sind kompliziert, vieles versteht man ohne Hilfe kaum“, sagt die BWL-Studentin. Eine Lehramtsstudentin der JLU berichtet, sie habe zeitweise nur 120 Euro BAföG erhalten: „Ich musste damals mehr arbeiten und hatte weniger Zeit für die Uni.“ Besonders problematisch seien lange Bearbeitungsfristen. „Zweimal habe ich erlebt, dass ich ein ganzes Semester keinen BAföG erhalten habe“, sagt eine weitere Lehramtsstudentin der JLU.

Studierende in höheren Semestern berichten von wachsender Routine, sehen aber weiterhin strukturelle Unterschiede. Eine Lehramtsstudentin der JLU im siebten Semester arbeitet neben dem Studium bis zu 20 Stunden pro Woche in Schule und Gastronomie. „Die Uni hatte für mich immer Vorrang“, sagt sie, dennoch koste die Doppelbelastung Kraft. Besonders deutlich seien Unterschiede zu Studierenden aus Akademikerfamilien: „Viele Lehramtsstudierende haben Eltern, die selbst Lehrer sind und ihnen helfen können, zum Beispiel bei Hausarbeiten. Das kann ich mir bei mir zu Hause nicht vorstellen.“

Auch Pflichtpraktika stellen eine finanzielle Herausforderung dar. Vor allem im Lehramtsstudium müssen mehrere längere Praxisphasen absolviert werden. „Während dieser Zeit kann ich kaum oder gar nicht arbeiten, was finanziell schwierig ist“, sagt eine Lehramtsstudentin im fünften Semester. Zwar werde weiterhin BAföG gezahlt, doch zusätzliche Einnahmen fielen weg.

Unterstützungsangebote an den Hochschulen werden von den Befragten grundsätzlich als hilfreich eingeschätzt, erreichen jedoch nicht alle Studierenden rechtzeitig. Viele seien auf den Austausch mit Kommiliton*innen angewiesen. „Zu wissen, dass man nicht allein ist, hilft sehr“, sagt eine Erstsemesterstudentin. Ergänzend dazu verweist die Initiative ArbeiterKind.de auf Unterstützungsangebote auch in Gießen. Laut Angaben auf ihrer Website bietet die Initiative monatliche offene Treffen, Informationsveranstaltungen sowie Austausch- und Mentoringangebote für Studierende an. Ziel sei es, Orientierung zu geben, Unsicherheiten abzubauen und Bildungswege transparenter zu machen.

Trotz finanzieller Belastung und struktureller Hürden überwiegt bei den Befragten ein Gefühl von Stolz. „Ich bin stolz darauf, dass ich es trotzdem angefangen habe und mich durchkämpfe“, sagt die BWL-Studentin. Ihr Rat an andere: „Früh Hilfe suchen, sich nicht schämen und sich informieren.“