Von Alexandra Dobler
„Er war ein kompromissloser und effizienter Manager der Gewalt“, charakterisiert der Historiker Dr. Jan Kreutz den NS-Täter Erich von dem Bach-Zelewski. Am 2. Dezember 2025 stellte Kreutz, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Geschichte und Geschichtsdidaktik der Europa-Universität Flensburg, seine biographische Studie über den SS-Führer im Gießener Graduiertenzentrum (GCSC) vor. Die Arbeit entstand als Dissertation und erschien im Mai 2025 unter dem Titel „Erich von dem Bach-Zelewski. Karrieren der Gewalt zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik“ im Göttinger Wallstein Verlag. Die Moderation des Abends übernahm Jennifer Ehrhardt, die sich als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Arbeitsstelle Holocaustliteratur unter anderem mit fiktionalen Texten aus der Perspektive von NS-Tätern beschäftigt.
Anlass war der 80. Jahrestag der Nürnberger Prozesse, die im November 1945 begannen und sich über vier Jahre bis April 1949 erstreckten. Erich von dem Bach-Zelewski trat dort in erster Linie als Zeuge auf. Denn: Nach Kriegsende nahmen ihn die Alliierten zunächst fest und übergaben ihn dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg. Für seine maßgebliche Beteiligung am Holocaust wurde von dem Bach-Zelewski jedoch bis zu seinem Tod im Jahr 1972 niemals zur Rechenschaft gezogen. Stattdessen stellte er sich in den Nürnberger Prozessen als Zeuge der Anklage zur Verfügung – vermutlich um einer Auslieferung an die Sowjetunion zu entgehen. In den Prozessen lieferte er Informationen zu Verbrechen und Tätern, während er sich selbst als vermeintlicher Beschützer und Helfer der jüdischen Bevölkerung inszenierte. Dafür „erfand er etwa in völliger Verdrehung der tatsächlichen Ereignisse Situationen, in denen er Juden gerettet haben wollte“, betonte Kreutz. Erst 1951 erfolgte seine Verurteilung durch die Münchener Hauptspruchkammer im Rahmen der Entnazifizierung, wo er als Hauptschuldiger für den Holocaust eingestuft wurde und eine Strafe von zehn Jahren Zuchthaus erhielt. Nach weiteren Verfahren ließen die Behörden ihn 1962 zum letzten Mal verhaften und wegen der Ermordung von fünf politischen Gegnern im Jahr 1933 zu lebenslangem Zuchthaus verurteilen.
Von dem Bach-Zelewski war während der Zeit des Nationalsozialismus als „Höherer SS- und Polizeiführer Russland-Mitte“ für das Gebiet entlang des Mittelabschnitts der Ostfront zuständig. Zudem ernannte ihn Himmler zum „Bevollmächtigten des Reichsführers-SS für Bandenbekämpfung“. Durch seine Position war er somit maßgeblich an der „Radikalisierung des Holocausts“ beteiligt. Besonders im Zweiten Weltkrieg war er mitverantwortlich für die Ermordung der jüdischen Bevölkerung in seinem Einsatzgebiet. Durch die Einnahme weiterer Städte im Kriegsverlauf kam es in vielen Orten in der Sowjetunion zur Ermordung von Jüdinnen und Juden, die auch er mit zu verantworten hatte. Einige der Städte in seinem Zuständigkeitsgebiet, in denen es zu großen Massenerschießungen kam, waren Białystok, Mogilew und Minsk. Zudem leitete er mehrere Sonderaktionen, darunter die brutale Niederschlagung des Warschauer Aufstands im Jahr 1944. Diesen Auftrag hatte er von Himmler erhalten, der den SS-Offizier als erfahren genug in der Bekämpfung von Partisanen hielt. Als von dem Bach-Zelewski in Warschau ankam, waren bereits viele Morde an der dortigen Bevölkerung verübt worden. Er schränkte die Ermordung der Jüdinnen und Juden ein, ließ sie aber nicht stoppen. Dies ging auf sein Interesse zurück, einen Teil der Bewohner zur Zwangsarbeit für die Rüstungsproduktion zu rekrutieren.
Trotz seiner zentralen Rolle im nationalsozialistischen Gewaltapparat sei von dem Bach-Zelewski heute weitgehend aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden, konstatierte Ehrhardt im anschließenden Gespräch. Die Gründe hierfür seien unter anderem in der bislang fehlenden Forschung zu suchen, ergänzte Kreutz. Die Auswertung ihn betreffender Dokumente war bislang wenig vorangeschritten. In seiner Studie wertete der Historiker nun erstmals umfassend von dem Bach-Zelewskis „Ego-Dokumente“ aus – insbesondere seine Tagebücher, Briefe und autobiografischen Texte – und eröffnete so neue Einblicke in das Selbstverständnis eines Täters und dessen Selbstdarstellung.
Jennifer Erhardt gab durch ihre Moderation wichtige Hinweise zur Deutung und Einordnung nationalsozialistischer Gewalt. Eine biographische Auseinandersetzung mit NS-Tätern sei insofern von Bedeutung, als sie eine Teilantwort auf die Frage liefere, „wie es zum Holocaust kommen konnte“. Noch immer halte sich in unserer Gesellschaft das Narrativ, NS-Täter seien zu ihren Taten durch äußere Zwänge verpflichtet worden. „Am Beispiel von dem Bach-Zelewskis wird jedoch sehr deutlich, dass die Ausübung von Gewalt eine jederzeit verfügbare Handlungsoption war“, zeigte Ehrhardt auf. Das unterstrich auch Kreutz und betonte, die Motive für die Taten seien vor allem im Streben nach Ruhm, Anerkennung und Zugehörigkeit zu einer vermeintlichen Elite zu suchen.
Ziel seiner Analyse sei daher gewesen, die „Person hinter der Maske“ näher zu erforschen. Von dem Bach-Zelewski habe sich gut neu erfinden können, indem er sein Auftreten immer wieder an die aktuelle politische Situation angepasst habe. Dadurch entstehe der Eindruck einer Persönlichkeit, die sich hinter einer „Maske“ versteckte, so Kreutz. Besonders deutlich werde diese Selbstinszenierung an den mehrfachen Änderungen seines Familiennamens. Geboren als „von Zelewsky“ passte er seinen Namen während seiner Karriere mehrmals an. So änderte er ihn beispielsweise im Jahr 1940 zu „von dem Bach“ und verwarf damit den slawischen Bestandteil des Namens. Dies erfolgte vermutlich auf Anraten Himmlers, der möglicherweise der Auffassung gewesen sei, der Name passe nicht zu den Prinzipien der Nationalsozialisten. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges fügte er den alten Teil zu seinem neuen Namen hinzu und nannte sich fort an „von dem Bach-Zelewski“. Diese erneute Veränderung nahm er vor, um sich als Unterstützer der verfolgten osteuropäischen Jüdinnen und Juden darzustellen, der er seiner eigenen Auffassung nach schon immer gewesen sei. Anhand medialer Quellen, darunter originale Filmaufnahmen aus den Nürnberger Prozessen, zeichnete Kreutz diese Inszenierungsstrategie nach.
Kreutz betont jedoch auch: Trotz der Gewalttaten, die von dem Bach-Zelewski geplant und ausgeführt habe, müsse bei der wissenschaftlichen Betrachtung der Täter gefragt werden, „was die Grenzen ihres Handels“ gewesen seien. Eine quellenkritische Analyse helfe dabei, ein Verständnis der Motive zu erlangen, ohne den verbrecherischen Charakter der Taten zu relativieren. Auch Ehrhardt unterstrich, dass die neuere Täterforschung insgesamt vor der Aufgabe stehe, biografische Studien vorzulegen, die um eine „multifaktorielle Analyse bemüht sind“. Das Ziel hierbei sei, das Zusammenspiel verschiedener Einflussfaktoren für das Täterhandeln sichtbar zu machen.
Die Lesung war das Ergebnis einer Kooperation zwischen der Arbeitsstelle Holocaustliteratur, der Fachjournalistik Geschichte, dem Institut für Zeitgeschichte und der Ostmitteleuropäischen Geschichte an der JLU Gießen im Rahmen des Akzentbereichs „Holocaust- und Lagerliteratur“ sowie der Lagergemeinschaft Auschwitz – Freundeskreis der Auschwitzer e.V. Heidrun Helwig (Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma), die seit vielen Jahren eng mit der Arbeitsstelle Holocaustliteratur zusammenarbeitet, initiierte die Veranstaltung.
Der Abend zeigte eindrücklich, wie die wissenschaftliche Aufarbeitung der NS-Verbrechen funktionieren kann. Durch die erfolgreiche Kooperation der Mitwirkenden bot die Veranstaltung einen erkenntnisreichen Einblick in das Leben und Wirken eines NS-Verbrechers, der trotz seiner Schlüsselrolle im NS-Gewaltsystem bislang kaum im öffentlichen Bewusstsein präsent war.
