Von Denise Golenia
„Als Schriftstellerin darf ich alles“, teilt Jina Khayyer dem Publikum selbstbewusst mit. Die in Deutschland geborene Autorin mit iranischen Wurzeln las am 28. Januar im Hermann-Levi-Saal im Gießener Rathaus aus ihrem Debütroman „Im Herzen der Katze“ (2025). Knapp 90 Minuten stellte sich die Autorin nicht nur den Fragen der zwei Moderatorinnen Sabrina Syben (Literarisches Zentrum Gießen) und Vera Stelter (Büro für Integration), sondern las auch ausgewählte Textpassagen aus ihrem literarischen Erstlingswerk vor. Dabei lag der Fokus vor allem auf iranischer Kultur, weiblicher Selbstbestimmung, Heimatgefühl und dem eigenen Schreibprozess.
Die Idee für einen Roman hatte Khayyer im September 2022. In ihrer Wahlheimat Frankreich erreichten sie Nachrichten zu Jina Mahsa Amini, die Gewalt durch die iranische Sittenpolizei erlitt, da sie angeblich ihr Kopftuch nicht korrekt trug. Durch die schweren Verletzungen verlor die junge Frau ihr Leben. Die Folgen waren anhaltende Proteste im Iran, an denen auch Khayyers Schwester Roya und ihre Nichte Nika teilnahmen. Das Schicksal der Frau, die denselben Vornamen wie sie trug, berührte Khayyer und erinnerte sie an ihre eigenen Besuche und Erlebnisse: „Mir war wichtig, den Teil meiner Identität in das Buch einfließen zu lassen.“ Bereits der Titel und das Cover ihres Debütwerkes sind deswegen eine direkte Anspielung auf den Iran. Der Umriss des Landes würde viele Einheimische an eine sitzende Katze erinnern, weshalb „Im Herzen der Katze“ für Jina Khayyer passend erschien. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen drei Generationen von iranischen Frauen. Dabei handelt es sich um Jinas Tanten väterlicherseits, ihre Schwester und ihre Nichte. „Ich wollte zeigen, wie viel Stärke in den weiblichen Charakteren steckt“, so Khayyer, die selbst als Protagonistin im Roman vorkommt und dort reale Erlebnisse aus ihrem Leben verarbeitet. Darüber hinaus beleuchtet der Roman unterschiedliche Wege der weiblichen Selbstbestimmung. So streben die iranischen Frauen eine Ausbildung und ein Studium an, wandern aus oder protestieren im eigenen Land. Auch legt eine Figur sogar ihr weibliches Aussehen ab, um als Mann wahrgenommen zu werden.
Die Autorin verfasste ihren Roman bewusst in deutscher Sprache. Sie könne zwar Persisch sprechen, jedoch nicht schreiben. So ist auch die Protagonistin Jina im Iran vertraut und fremd zugleich. Sie kennt die Sprache, aber das Land nicht. Sie fragt nicht nach Heimat. Vielmehr stellt sie sich die Frage, wie ein selbstbestimmtes Leben der Frauen im Iran aussehen könnte und was jede bereit ist, dafür zu tun. „Wir dürfen nicht von Menschen erwarten, dass sie ihr Leben riskieren“, merkt Khayyer hinsichtlich der politischen Lage im Land an. In der iranischen Kultur gebe es viele Regeln, die unverständlich erscheinen würden. Frauen würden mit dem Verständnis aufwachsen, dass ihr Körper nicht ihnen gehöre, sondern ihren Vätern oder dem Staat und das ein ganzes Leben lang. Dies spiegelt sich auch in den strengen Kleidervorschriften wider. Doch was heißt nun Heimat für die Autorin Jina Khayyer, wollen die Moderatorinnen wissen. „Heimat ist Küche“, erwidert diese. Deswegen würde in ihrem Roman viel persisch gekocht und gemeinsam gegessen werden.
Khayyer sprach zudem über ihren Schreibprozess und die Ausgestaltung ihrer Charaktere. Die Autorin trägt immer ein Notizbuch bei sich, in dem sie spontan Eindrücke und Zeichnungen festhält. Dabei lässt sie zunächst alle Gedanken zu, egal wie absurd sie sein mögen. „Ich erkenne keine Grenzen an“, betont Khayyer. Schließlich seien viele Grenzen menschengemacht. Erst danach geht Khayyer in die Recherche. Beim Schreiben braucht sie absolute Ruhe, selbst das Tropfen eines Wasserhahnes störe. Zu Beginn wüsste sie selbst nicht, wohin die Geschichte führe. „Ich lasse mich selbst gerne überraschen“, gibt Khayyer lachend zu. Auch bei ihrem Roman schrieb sie ihren Charakteren nie etwas vor, sodass sie im Laufe der Geschichte ihre ganz eigene Dynamik entwickelten.
Tiefere Fragen zur Deutung von Handlungssträngen oder dem Verhalten einzelner Figuren beantwortet die Autorin an diesem Abend allerdings nicht. „Es geht darum, dass die Leser*innen sich selbst auf eine Reise begeben und eine für sie fremde Kultur kennenlernen. Ich versuche, dass sie sich als Teil dieser Welt fühlen“, so Khayyer. So möchte sie das „Ungewisse“ für die Leser*innen bewahren, das sie selbst beim Schreibprozess erlebte. Es sei wichtig, zu eigenen Erkenntnissen und Interpretationen zu kommen. Auf Nachfrage einer Moderatorin, ab wann sie wüsste, dass ihr Text massentauglich ist und „einfach funktionieren“ würde, gibt Jina Khayyer schmunzelnd zu: „Wenn der Text mir selbst Freude beim Lesen bereitet.“
