© Luca Motz

Von Denise Golenia

„Ich sah, wie Menschen heilten, von außen und von innen und konnte mit ihnen Schlachten gegen die Krankheit gewinnen“, rezitiert Leah Weigand an diesem Abend im Gießener Hörsaal des Medizinischen Lehrzentrums vor Zuhörer*innen ganz unterschiedlichen Alters. Die Worte stammen aus ihrem Gedicht „Ungepflegt“, mit dem sie sich bereits einen Namen als Spoken-Word-Künstlerin auf deutschen Poetry-Slam-Bühnen machte. Die junge Frau, die ausgebildete Krankenpflegerin und Medizinstudentin ist, war am 27. November 2025 der Einladung der Justus-Liebig-Universität gefolgt und las im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Medizin und Literatur“ aus ihrem Debütwerk „Ein wenig mehr Wir: Texte über Menschlichkeit“ aus dem Jahr 2024 vor. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin in Zusammenarbeit mit der Professur für Neuere deutsche Literaturgeschichte und Allgemeine Literaturwissenschaft. Leah Weigand gewährte dem Publikum an diesem Abend exklusive Einblicke in den Pflegeberuf und warf die Frage nach Menschlichkeit auf.

Neben vielen Schwierigkeiten in der Pflege betont Weigand in „Ungepflegt“ aber vor allem die guten Seiten des Berufs. So war sie dabei, wie neues Leben begann, aber auch wie Menschen ihre letzten Lebensstunden verbrachten. Dass es wichtig sei, Patienten zuzuhören und sich bei Fehlern bei ihnen entschuldigen zu dürfen. „Ich lerne, meine Meinung zu äußern und dass ich meine Beobachtung wichtig finde. Dass Chefärzt*innen keine Götter und nicht unfehlbar sind. Ich lerne ein bisschen, was Menschsein ist“, so Weigand in ihrem Slam. „Ungepflegt“ ist nur einer von vielen Texten über Menschlichkeit, die Leah Weigand an diesem Abend vorträgt.

Mit „Vergessenslücken“ lässt sie das Publikum in die Gedankenwelt der Demenzkranken Klara eintauchen. „Gesichter verschwimmen und Namen verschwinden, Begriffe entfliehen und sind nicht mehr zu finden“, schildert sie poetisch den Krankheitsverlauf aus der Sicht der Protagonistin. Dabei stehen „Motten“ als Metapher für Gedächtnislücken. Für Weigand haben die Namen ihrer Charaktere eine besondere Bedeutung, denn sie würden sich bei der Ausgestaltung ihrer Texte einfach ergeben und die erlebten Geschichten vieler Menschen widerspiegeln. Angelehnt an Personen aus ihrem Berufsalltag seien sie allerdings nicht. Darüber hinaus verarbeitet Weigand literarisch auch weitere Krankheiten wie eine chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD), Asthma bronchiale oder Lupus. Thematisch beziehen sich ihre Arbeiten aber nicht immer auf Medizin und Pflege. Die Autorin nimmt diverse Aufträge für Unternehmen an. So engagierte eine Schweißerei Weigand damit, einen Beitrag für das nahende Firmenjubiläum zu schreiben.

Im Anschluss an die Lesung fand eine moderierte Diskussionsrunde mit Leah Weigand statt, die von Joachim Jacob, Professor für Neuere deutsche Literaturgeschichte und Allgemeine Literaturwissenschaft, und Dr. Andrea Züger, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, geleitet wurde. Schnell kam das Publikum mit der Autorin ins Gespräch. Gerade im Hinblick auf ihren berühmten Text „Ungepflegt“ kam die bereits seit Jahren viel diskutierte Frage auf, was sich in Zukunft im Pflegeberuf ändern müsste, damit er für Arbeitnehmer*innen wieder attraktiv wird. Weigand räumt ein, dass diese Frage nicht einfach zu beantworten sei. Mittlerweile würden Pflegekräfte weitaus besser verdienen als früher. Dennoch fehle es dem Personal immer noch an Wertschätzung, die sich in den Arbeitsbedingungen von Altenheimen oder Krankenhäusern bemerkbar machen. „Von innen heraus kann man viel tun“, ist sich Weigand sicher.

Auch interessierte sich das Publikum für ihre Arbeit als Autorin. „Jeder Mensch hat eine Ausdrucksfähigkeit. Bei mir ist es das Schreiben“, beantwortet Weigand auf Nachfrage, ob ihr das Schreiben von Texten leichtfiele. Angefangen hätte alles mit ihrem Tagebuch, in dem sie sich selbst und ihre Umgebung besser kennenlernte. Als Teenagerin besuchte sie ihren ersten Poetry Slam und war beeindruckt. Durch einen Freund fasste sie den Mut, ihr Geschriebenes selbst auf der Bühne vorzutragen. Sie erhielt viel Zuspruch und blieb deswegen dran. Besonders ihre Ausbildung zur Krankenpflegerin war dabei eine wichtige Inspirationsquelle, die ihren Weg als erfolgreiche Spoken-Word-Künstlerin ebnete.

Die Stimmung an diesem Abend war trotz berührender Themen locker und gelöst. Weigand hatte sich einiges überlegt, um eine gute Atmosphäre zu schaffen. Neben Fragen, die das Publikum mit Geräuschen wie Schnipsen, Seufzen oder Schnalzen beantworten konnte, startete sie auch eine Mitmachaktion, bei der es galt, 34 Städte aus einem selbst gebastelten Text herauszulesen. „What doesn’t Kiel you makes you stronger“ war nur einer der vielen kreativen Sätze. 

Für die junge Autorin gab es an diesem Abend durchweg positives Feedback. „Ich verwende deine Texte für meine Auszubildenden im Unterricht“, verriet eine anwesende Medizinpädagogin im Publikum. Ein Mann aus der Industriebranche, der Weigand bis dato gar nicht kannte, merkte an: „Bisher hatte ich mit Pflege kaum Berührungspunkte. Die Veranstaltung hat mich positiv überrascht.“ Viele Anwesende waren von Weigands Gedichten ergriffen. „Deine Texte wirken echt. Man merkt, dass du ein großes Herz besitzt“, äußerte ein anderer Zuhörer, der mit diesen Worten die Diskussionsrunde ausklingen ließ.

Geschmack auf mehr machte Weigand, indem sie einige Verse aus ihrem neuen Gedichtband „Das Gold in den Fugen“ las, der im April 2026 erscheinen soll.