Von Lisa Mailänder
Der Margarete-Bieber-Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Einige im Publikum kennen Manfred Koch noch aus seiner Zeit als wissenschaftlicher Assistent an der Justus-Liebig-Universität. Rund 30 Jahre später stellt er nun am 1. Dezember 2025 seine im Frühjahr erschienene Biographie „Rilke – Dichter der Angst“ vor. Organisiert wurde die Lesung vom Literarischen Zentrum Gießen (LZG) und vom Institut für Germanistik der JLU. Manfred Koch ist Literaturwissenschaftler, intensiver Forscher zu Rainer Maria Rilkes Leben und Werk und sagt von sich selbst, dass die 90er Jahre in Gießen die schönste Zeit seiner akademischen Laufbahn gewesen seien.

Vor 150 Jahren, am 4. Dezember 1875, kam Rilke in Prag auf die Welt. 1902 ging er mit seiner Frau Clara Westhoff nach Paris. Diese hatte Kontakt zum bekannten Bildhauer Auguste Rodin und verschaffte Rilke die Möglichkeit, eine Studie über jenen zu schreiben. Rilke entwickelte sich immer mehr zu einem zurückgezogenen Einzelgänger, den Verzweiflung und Ängste plagten. Er lebte in ärmlichen Verhältnissen, brach den Kontakt zu seiner Frau ab und erlitt immer öfter Fiebernächte. Für Manfred Koch stellt diese Zeit eine fundamentale Zäsur in Rilkes Leben dar, die auch maßgeblich sein künstlerisches Schaffen beeinflusste. Rilke entwickelte ein für ihn entscheidendes Rezept, um mit seiner Not umzugehen: Aus Angst mache Kunst. „Überstehen war ein ganz zentrales Verb bei Rilke“, führte Koch weiter aus. „Wir gewöhnlichen Menschen sind Vergeuder der Schmerzen, weil wir eben versuchen, sofort über sie hinwegzukommen“, so Koch. Bei Rilke hingegen liege die Betonung immer darauf, die Angst und den Schmerz zu durchleben, in der Hoffnung, dass der Umschlag in ein gelingendes Schreiben erfolgt.
Koch erzählt weiter, er kenne kaum einen anderen Künstler, der es geschafft habe, von so „schlechten Anfängen zu solch grandioser Literatur“ aufzusteigen. Er nennt die Dichtung Rilkes in den Jahren vor Paris „süßlich, klebrig und kitschig“. Kochs eigenes Interesse für Rilke erwachte erstmals mit seiner Lektüre des Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, der 1910 erschien und in dem Rilke seine Erfahrungen in Paris verarbeitete. Wo Rilke zuvor ein Autor war, „der jederzeit die Reimmaschine anwerfen konnte“, sei nach der Pariser Zäsur eine neue Grundstruktur künstlerischen Schaffens zu erkennen. Auf langen Durststrecken, die Monate, manchmal auch Jahre andauern konnten, folgen intensive Produktionsschübe. Eine der bedeutendsten Schaffensphasen war im Februar 1922. Innerhalb von drei Wochen soll er dort die „Duineser Elegien“ fertiggestellt, 55 „Sonette an Orpheus“ vollendet und viele weitere Gedichte verfasst haben.
Zudem sei Rilke ein außerordentlich ambitionierter Briefeschreiber gewesen. Sein Nachlass zählt um die 10.000 Briefwechsel. Als Biograph erklärt Koch, habe er keine Schwierigkeiten gehabt, an Material zu kommen. Es sei eher die Herausforderung gewesen, sich zu begrenzen. „Da musste ich mich zusammenreißen, nicht in Briefschwelgereien zu verfallen“, bemerkt er mit einem Lächeln.
Mit Leichtigkeit und Witz kommt Koch auch auf die skurrilen Seiten Rilkes zu sprechen. Der Dichter verbringt die letzten sieben Jahre seines Lebens in der Schweiz. Es ist der längste andauernde Aufenthalt an einem Ort, jedoch stört ihn dort manchmal ausgerechnet die Natur: „Es sind dumme Gebirge. Und immer dieses Großtun den ganzen Tag“, zitiert Koch aus Rilkes Tagebüchern und aus dem Publikum lassen sich Lacher vernehmen.

Das Faszinierendste an Rilke sei nach Koch letztlich aber seine ausgesprochene Sprachmusikalität. Er demonstriert dies, indem er frei ein paar Verse aus den „Duineser Elegien“ zitiert. „Eigentlich sollte man alle Gedichte als Klangkörper verstehen und immer laut vorlesen. Aber bei Rilke ist es von ganz enormer Bedeutung.“ Koch habe in den vielen Jahren in seinen Seminaren immer wieder darauf hingewiesen, dass die Verstehenshaltung wichtig sei: Anstatt den Zeilen direkt eine Bedeutung zuzusprechen, solle der Fokus bei Rilke mehr noch auf den Klang und den Rhythmus gerichtet werden. Das erste „Sonett an Orpheus“ ende damit, „Tempel im Gehör“ zu errichten. „Und das ist es, was Rilke mit seiner Dichtung bezweckte“, erklärt Koch. Rilkes Dichtkunst ermögliche eine überwältigende Erfahrung von dem, was Sprachkraft eigentlich zustande bringen kann. Ob das funktioniert, kann jeder bei seiner nächsten Rilke Lektüre überprüfen, indem er ganz Ohr wird.
C.H. Beck
560 Seiten
34 Euro
ISBN 978-3406821837
