Von Sophie Alles
„Arbeiten Sie zusammen?“, fragt Referentin Stefanie Fischer zwei der Teilnehmenden. In Kleingruppen diskutieren sie über ein Multiple-Choice-Quiz und kommen miteinander ins Gespräch. Noch bevor theoretische Grundlagen vorgestellt werden, wird deutlich, worum es an diesem Montagnachmittag gehen soll: Sprachkompetenz entsteht durch Interaktion.
Wie Lehrkräfte Lernende vom ersten Moment an aktiv zum Sprechen bringen können, stand im Mittelpunkt des Workshops „Kreative Sprechanlässe schaffen für einen (inter-)aktiven Sprachunterricht“. Die Fortbildung fand am 22. Juni 2026. im Philosophikum I der Justus-Liebig-Universität Gießen statt und war Teil einer Workshopreihe zur Aussprachevermittlung. Insgesamt nahmen 16 Interessierte sowohl in Präsenz als auch online teil, darunter Studierende und Lehrpersonen. Moderiert wurde die Veranstaltung von Karin Madlener-Charpentier, Professorin für Deutsch als Fremdsprache, sowie dem regionalen Fachvertreter Patrick Möser des Hueber Verlags.
Das Sprechen stellt eine Kernkompetenz für den Fremdsprachenerwerb dar. Es sei keine Fähigkeit, die erst am Ende des Lernprozesses stehe, sondern dessen Motor. „Wer eine Sprache lernt, will kommunizieren, sich ausdrücken und verstanden werden“, so die Ankündigung des Workshops. Gleichzeitig gebe es im Sprachunterricht häufig noch zu wenige Interaktionsmöglichkeiten. „Wir brauchen möglichst viele kommunikative Lernsettings im Sprachunterricht“, erklärte Fischer der Runde. Diese Sprechanlässe sollten das Interesse wecken und insbesondere mit der eigenen Lebenswelt der Lernenden zusammenhängen. „Über 50 % unserer Konversationen haben mit uns zu tun“, bemerkte sie im Hinblick auf Alltagsgespräche. Sprechaktivitäten würden außerdem die Aufmerksamkeit auf sprachliche Strukturen lenken und unmittelbares Feedback ermöglichen.
Im Plenum sammelten die Teilnehmenden Gründe, die viele Lernende vom Sprechen abhielten. Genannt wurden unter anderem Angst vor der als komplex empfundenen deutschen Sprache, die Mark Twain in seinem Essay „Die schreckliche deutsche Sprache“ (1880) auf Basis eigener Erfahrungen als „Trauma“ beschrieb. Zudem wurden Verständnisprobleme bei Aufgabenstellungen, fehlendes wertschätzendes Feedback sowie mangelndes Interesse und unzureichende Motivation genannt. „Feedback ist ganz wichtig“, betonte Fischer. Entscheidend sei es, konkrete Rückmeldung zu geben, um so das Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen zu stärken. Die deutsche Sprache bestehe letztlich nicht nur aus verwirrenden Artikeln und komplexen Deklinationen: „Deutsch ist eine Legosprache“, sagte die Referentin humorvoll – man könne sie gut zusammenbauen.
Als Lösungsansätze für Interaktionen empfahl Fischer auf inhaltlicher Ebene eine induktive Grammatikvermittlung, „Scaffolding“, also eine anleitende Lernhilfe, sowie die Arbeit mit Bildimpulsen. „Mit Bildern zu arbeiten ist immer eine gute Idee“, sagte sie. Diese weckten Emotionen, erleichterten den Zugang zu Themen und förderten die Kreativität. Zugleich betonte sie die Bedeutung des Wortschatzes, der für gelingende Kommunikation oftmals wichtiger sei als einzelne grammatische Strukturen. Multiple-Choice-Aufgaben, Speedspeaking, Entweder-oder-Fragen, „Zwei Wahrheiten – eine Lüge“ oder Steckbriefspiele könnten zudem weitere Sprechanlässe initiieren. Dabei biete Künstliche Intelligenz (KI) Lehrkräften bei der Entwicklung solcher Aufgaben Unterstützung. Auch feste Routinen wie Begrüßungsrunden, Wortschatzquizze, Reflexionsfragen oder Abschiedsrituale könnten Sicherheit vermitteln und regelmäßige Kommunikationsanlässe schaffen.
Neben inhaltlichen und methodischen Aspekten spiele aber auch die psychologische Ebene eine wichtige Rolle. Interessante Themen und eine positive Atmosphäre seien entscheidend dafür, ob Lernende bereit seien, zu sprechen. Begeisterung wirke dabei als „Dünger“ für erfolgreiches entdeckendes Lernen. Viele Konzentrationsprobleme seien letztendlich Bedeutsamkeitsprobleme: „Wenn etwas für uns eine hohe Bedeutung hat, erhält es unsere 100-prozentige Aufmerksamkeit.“
Die Veranstaltung stieß bei den Teilnehmenden auf positive Resonanz. Zwei Studentinnen des Masterstudiengangs Deutsch als Zweit- und Fremdsprache erklärten, sie hätten sich angemeldet, um neue Interaktionsformen kennenzulernen: „Wir waren neugierig auf die Art und Weise, wie Lehrpersonen Lernende zum Sprechen aktivieren können“. Besonders überrascht habe sie der Einsatz von KI bei der Erstellung von Quizfragen. Viele der Ansätze, insbesondere Steckbriefspiele, könnten sie sich außerdem gut für ihren eigenen zukünftigen Unterricht vorstellen.