Von Tamara Gosewitz
„Liebe auf den ersten Blick”, so beschreibt Anastasia, Vorstandsmitglied des Georg-Büchner-Debattierclubs, ihre ersten Erfahrungen mit dem Debattieren. Beim Treffen des Clubs am 23. Juni 2026 beweist sie zum wiederholten Male ihre Fähigkeiten. Es sind 32 Grad kurz nach 18:15 Uhr auf dem JuWi-Campus der JLU. Trotz der heißen Temperaturen finden sich acht Personen an diesem Dienstagabend ein, um sich im verbalen Schlagabtausch zu messen.
Schon seit über zehn Jahren finden sich Student*innen aus allen Fachrichtungen hier im alten Gerichtssaal zusammen, egal ob aus der Biologie, Jura, dem Lehramt oder der Medizin. Auch THM-Student*innen sind willkommen. Die Liebe zum Hobby stellen sie in wöchentlichen Debatten unter Beweis.
„Ihr habt jetzt 15 Minuten Zeit für eure jeweiligen Gruppen, um euch vorzubereiten“, verkündet die Jurorin Theresa zu Beginn des Abends. Die Bedingungen für die anstehende Debatte sind streng, aber essenziell: „Ohne Internet, ohne Lehrbücher. Einfach mit eurem Wissen und Überzeugungskraft“. Handys und Laptops sollen nicht verwendet werden. Zum Schreiben benutzen die Teilnehmer*innen ausschließlich Stift und Papier. Alle Anwesenden zusammen werden als „Das Haus“ bezeichnet. Aus ihrer Gesamtheit treten zwei Fraktionen gegeneinander an, die „Regierung“ und die „Opposition”, heute jeweils aus drei Personen bestehend.
Das Thema des Abends ist hochaktuell: „Dieses Haus bedauert den Trend zum Scarcity-Marketing”, so die Jury. Weitergehend wird erklärt, dass Scarcity-Marketing die künstliche Verknappung von Gütern bedeutet. Die „Regierung“ (Befürworter der These) ist gegen künstliche Verknappung, die „Opposition” hält dagegen. Zentrale Begriffe werden noch einmal für alle Anwesenden definiert, bevor die Teams gelost werden. Der Start der Vorbereitung folgt unmittelbar.
Diesmal tritt neben den üblichen Mitgliedern auch ein neues Gesicht an. Dem jungen Studenten wird ein sogenannter „Welpen-Status” verliehen, was nichts anderes bedeutet, als dass auf ihn Rücksicht genommen wird und ihm alle Regeln genau erklärt werden. Denn das Debattieren ist nicht nur reine Argumentation. Das zentrale Regelwerk berücksichtigt hier jede Facette der Auftretens. In fünf spezifischen Kategorien – Sprachkraft, Auftreten, Kontaktfähigkeit, Sachverstand und Urteilskraft – werden die Teilnehmer*innen geprüft. „Artikulation, Auftreten, Gestik, Mimik werden nachher gewichtet und gepunktet“, erklärt Jurorin Theresa. Eine ausladende Handbewegung oder ein skeptischer Blick seien kein Zufall. Die Gestik werde strategisch genutzt.
Fünfzehn Minuten später beginnt das Duell. Die „Regierung” greift die Moral hinter der Verkaufsstrategie scharf an. Künstliche Verknappung spiele bewusst mit dem psychologischen Stress der Konsument*innen. Das Marketing sei in diesem Fall „eine psychologische Belastung“, die anfällige Menschen, wie beispielsweise „Omas, die Teleshopping betreiben“, enorm unter Druck setze. Zudem begünstige es eine gesellschaftliche Spaltung „zwischen denen, die haben, und denen, die nicht haben.“ Als prominentes Beispiel der Debatte dient der Konzertkarten-Riese „Ticketmaster“. Das System erlaube „Scalping“, ein Aufkauf und Wiederverkauf zu höherem Preis, was letztlich den Konsument*innen und Künstler*innen schade. Die „Opposition” versucht ihrerseits, die Mechanismen des freien Marktes zu verteidigen und verweist auf das Glücksgefühl derjenigen, die am Ende ein streng limitiertes Produkt in den Händen halten können. Doch die „Regierung” kontert mit philosophischer Wucht: „Glück für alle statt etwas mehr Glück für sehr wenige“. Gegen Ende der Debatte wägen die Schlussredner*innen das Gesagte ab. Ihre Aufgabe ist es, überzeugend darzulegen, welche „gebrachten Argumente die wichtigeren waren“, erklärt einer der Teilnehmer*innen dem Neuling. Die Ausführung dieses letzten Schrittes bestimmt in vielen Fällen, wie schlüssig eine Argumentation wahrgenommen wird. Ein runder Schluss bringt alles zusammen. Wem dieser gelingt, hat fast schon gewonnen.
Das Bewertungssystem der Jury basiert auf einer Skala von 0 bis 100. Im Durchschnitt erhalten Debattierer*innen etwa 40 Punkte. Alles über 60 beschreiben die Teilnehmer*innen der heutigen Sitzung als „super krass“. Nur absolute Profis erzielen solche Ergebnisse.
„An diesem Abend“ erzählt Theresa, „bringt sich die Jury, wie immer, bewusst aus der Perspektive einer ‚normalen Zeitungsleserin‘“ ein und reflektiert die vorgebrachten Argumente alltagsnah. Ziel dabei sei, das Debattieren, nicht das Vorwissen, in den Mittelpunkt der Bewertung zu stellen. Das Endergebnis der heutigen Debatte ist denkbar knapp. Mit 242 zu 241 Teampunkten siegt die „Regierung”. Nachdem der Sieg entschieden ist, weicht die formelle Strenge sofort einer entspannten Ausgelassenheit. Es werden Tipps ausgetauscht, gelacht und zum Sieg gratuliert. Im Anschluss geht es in die lokale „Pinte“ auf ein Bier. „Ich bin schon mental etwas durch, aber es hat total Spaß gemacht”, beschreibt der Neuling seine ersten Erfahrungen. Er gehe an diesem Abend mit einem neu gefundenen Hobby nach Hause.
Wer Lust hat, selbst seine Schlagfertigkeit zu trainieren und in die Welt des Debattierens einzutauchen, ist im Georg-Büchner-Debattierclub stets willkommen. Die regulären Treffen finden während des Semesters jeden Dienstag von 18.15 bis 20.00 Uhr statt. In der vorlesungsfreien Zeit trifft man sich nach Absprache. Interessierte finden auf der von der Universität Gießen verwiesenen Website (debattierclub-giessen.com), per E-Mail oder auf Instagram unter @debattierclub.giessen weitere Informationen. Vielleicht stehst auch Du beim nächsten Mal schon selbst am Rednerpult.