„Zukunft braucht Herkunft“

Diskussion zum „17. Juni: Aufstehen für die Freiheit- Gießener Tag des Erinnerns“ v.l.n.r. Liane von Billerbeck, Volker Bouffier, Wolfgang Thierse. © NAL Gießen

Von Marie Klotz

Auf der Bühne diskutiert Volker Bouffier, ehemaliger Präsident des Bundestages und ehemaliger Ministerpräsident des Landes Hessen, mit Wolfgang Thierse, ehemaliger Präsident des Bundestages, ,, als dieser sich an das Publikum wendet: „Ich kann mich nicht erinnern, dass schonmal Grenzen überwunden wurden ohne einen einzigen Schuss.“ Ein Raunen geht durch die Menge. Für einen Moment bleibt es still im Saal, dann ertönt lauter Applaus.

„Aufstehen für Freiheit – Gießener Tag des Erinnerns“ war Titel und Motto der Veranstaltung am 17. Juni 2026 im ehemaligen Notaufnahmelager Gießen. In Gedenken an den 17. Juni 1953, dem früheren Tag der Deutschen Einheit und Staatsfeiertag der DDR, lud der Lern- und Erinnerungsort Notaufnahmelager Gießen (NAL) zur Podiumsdiskussion ein. Zugleich beging die Einrichtung damit ihr einjähriges Bestehen. Unter der Moderation von Liane von Billerbeck nahmen Volker Bouffier und Wolfgang Thierse auf dem Podium Platz. Im Mittelpunkt der Gesprächsrunde standen Fragen nach Demokratie, Wiedervereinigung und den Lehren des 17. Juni für die Gegenwart.

Vor dem Denkmal 17. Juni 1953 v.l.n.r.: Liane von Billerbeck, Volker Bouffier, Wolfgang Thierse, Florian Greiner. © NAL Gießen

Zwei Politiker, zwei Biografien, zwei Perspektiven auf die deutsche Teilung – „Mir ist versichert worden, die beiden würden sich trotzdem schätzen“, erklärt von Billerbeck lachend. Gerade aus den unterschiedlichen Lebenserfahrungen entwickelt sich die Dramaturgie des Abends. Mit dem niedergeschlagenen Volksaufstand in der DDR vom 17. Juni 1953 verbindet Thierse vor allem Trauer. „Jetzt sind wir allein. Uns hilft keiner“, entsinnt sich der erste ostdeutsche Präsident des Deutschen Bundestages der Worte seines Vaters. Bouffier, damals noch ein Kleinkind, konnte die Bedeutung des 17. Juni erst später einordnen. Angesichts der schwindenden Zahl von Zeitzeug*innen plädiert er für neue Formen der Erinnerungskultur. „Denn was bedeutet das für uns heute?“, fragt er in den Saal und zitiert pointiert den Gießener Philosophen Odo Marquard: „Zukunft braucht Herkunft.“

Es ist diese Mischung aus Rückblick und Mahnung, die den Abend trägt. Schon zu Beginn des Gesprächs wird deutlich, dass die Wiedervereinigung für beide nicht nur ein politisches Ereignis, sondern auch eine emotionale Erfahrung von Hoffnung und Aufbruch war und ist. Wo Bouffier die deutsche Einheit als „ein bis heute ungetrübtes Glücksgefühl“ beschreibt, setzt Thierse einen anderen Akzent. Nicht Nostalgie lasse dieses Gefühl fortbestehen, sondern eine präzise und selbstkritische Erinnerung an die damalige Aufbruchsstimmung. Zugleich machten beide unterschiedliche Erfahrungen in Ost und West deutlich: Die deutsche Einheit, so die gemeinsame Auffassung, war keine Begegnung auf Augenhöhe. Während sich der Osten nach 1989 von Grund auf neu orientieren musste, „hat sich hier bei uns eigentlich nichts verändert“, bilanziert der ehemalige hessische Ministerpräsident. 

Im Gespräch v.l.n.r.: Liane von Billerbeck, Volker Bouffier, Wolfgang Thierse. © NAL Gießen

Lebendig wurde die Debatte besonders durch die persönlichen Erfahrungsberichte der Gäste. „Für uns Kinder war es faszinierend, wenn Busse aus Bautzen ankamen“, schildert Bouffier seine Kindheitserinnerungen. Daran anknüpfend illustriert von Billerbeck die damaligen Unterschiede mit den Worten einer befreundeten Skandinavistin. Es wäre einfacher gewesen, „wenn wir mit Schweden vereinigt worden wären“, dann wäre zumindest klar gewesen, dass man Übersetzer brauche. Auch Thierse verwies darauf, dass sich in Ost und West differente Vorstellungen davon entwickelt hätten, was Demokratie bedeutet. So lieferten die Erlebnisse letztlich den Schlüssel zu einer wichtigen Erkenntnis. Demokratie, bringt es Moderatorin von Billerbeck auf den Punkt, sei im Kern ein Aushandeln von Unterschieden. „Das Volk gibt’s immer nur im Plural“, markiert Thierse den Kontrast zu autoritären Ordnungen.

Neben der Freude über die deutsche Einheit verbindet die beiden Politiker an diesem Abend vor allem die Sorge um die Demokratie. Thierse verweist auf die autoritäre Prägung der DDR und die daraus resultierende Anfälligkeit für populistische Versprechen. Angesichts gleichzeitig stattfindender Krisen seien einfache Lösungen zwar verlockend, jedoch gebe es keine Wunder und die, „die euch Wunder versprechen, à la AfD, denen müsst ihr zutiefst misstrauen.“ Der ehemalige Ministerpräsident Bouffier knüpft daran an und übt scharfe Kritik an der weltweiten Bedrohung von Demokratie und Freiheit. Diese zeichne sich durch Mehrheitsentscheidungen, schrittweise Prozesse und die Bereitschaft zum Kompromiss, „der Königsdisziplin“ demokratischer Politik, aus. Gerade der mitunter mühsame demokratische Streit wurde an diesem Abend nicht als Schwäche, sondern Ausdruck einer lebendigen Demokratie verstanden. „Zum Glück, wir leben in einer Demokratie“, resümiert Thierse. An die Diskussionsrunde auf dem Podium schließt sich der Austausch mit dem Publikum an. Hierbei wird nicht nur gefragt, wie dem Erstarken politisch rechter Strömungen konkret begegnet werden könne, sondern auch persönliche Erinnerungen eines anwesenden Zeitzeugen geteilt. Abschließend gibt es die Möglichkeit, die Gespräche im Café Ankunft fortzuführen.

Möglich wird eine solche Debatte an diesem Ort auch durch die Arbeit von Dr. Sina Fabian. Die Studienleiterin des Notaufnahmelagers sieht den Ort als Zugang zur Geschichte der DDR und zugleich als Spiegel aktueller Migrationsdebatten. Auch damals seien Geflüchtete aus der DDR zunächst als „fremd“ und „illegal“ bezeichnet worden. Diese Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart erlebt Fabian besonders dann, wenn frühere Bewohner*innen an den Ort zurückkehren. Insbesondere freigekaufte politische Häftlinge würden dabei starke Emotionen zeigen: „Manche bezeichnen Gießen als ihren zweiten Geburtstag.“

Die Podiumsdiskussion habe ihre Erwartungen erfüllt, die Diskutant*innen hätten das Publikum sehr mitgerissen. Auch im kommenden Jahr wird es wieder eine Jubiläumsveranstaltung geben. Interessierte erwartet dann eine Performance in Kooperation mit dem Gießener Stadttheater und einem Leipziger Musikensemble. Vertont werden Gedichte von Frauen aus dem Frauengefängnis Hoheneck unter dem Titel „Ich bin mir selbst fremd geworden.“