Von Lilli Schneider
Museen sind nicht mehr nur Orte zum Staunen, sondern auch zum Mitmachen. Wie gelungen diese Idee in die Praxis umgesetzt werden kann, zeigt das Mathematikum in Gießen, das jährlich im Schnitt 140 000 Besucher*innen zählt. Dabei setzt es nicht nur auf bestehende Exponate, sondern organisiert auch temporäre Ausstellungen, aktuell „Echt jetzt?! – Optischen Illusionen auf der Spur“.
Doch wie kam es eigentlich zum Mathematikum und was macht es aus? 2002 wurde es von Albrecht Beutelspacher, emeritierter Mathematik-Professor an der Justus-Liebig-Universität Gießen, gegründet. Die Idee zu diesem Museum sei schon Mitte der 1990er Jahre aufgekommen. Im Rahmen eines Seminars konnten Studierende geometrische Modelle bauen, um Mathematik verständlich zu erklären. Die Idee blieb ihm im Kopf. Ein Ort musste noch gefunden werden. Glücklicherweise ergab es sich, dass das Hauptzollamt in der Bahnhofstraße im Jahr 2001 umzog und die Stadt Gießen ihm dieses Gebäude zur Verfügung stellte. Beutelspacher bekam eine EU-Anfangsfinanzierung nur unter folgender Bedingung: „Ich musste Stein auf Bein schwören, dass Besucher aus einem Umkreis von mehr als 50 Kilometern kommen.“
Beim Eintreten in das Museum begrüßt mich ein Mathematikstudent. Er meint, die Arbeit sei eine gute Erfahrung neben seinem Studium. Die Schulklassen verschiedenster Altersgruppen, die das Mathematikum besuchen, empfindet er als abwechslungsreich. Studierende aller Fachrichtungen können sich aktiv an der Arbeit des Mathematikums beteiligen. Diese dürfen beispielsweise Ideen für Exponate geben, die durch Beutelspacher und sein drei- bis vierköpfiges Team geprüft werden. Wie der Professor erklärt, seien viele Objekte holzbasiert und würden in einer eigenen Werkstatt angefertigt werden.
Bei der weiteren Besichtigung der auf 1.200 Quadratmetern verteilten Ausstellungsstationen wird das Konzept zum Mitmachen deutlich. Laut Beutelspacher können hier bis zu 200 Experimente ausgestellt werden. In den Fluren finden die Besuchenden Infotafeln zu Biographien von berühmten Mathematiker*innen und Experimenten zu ihren Theorien. Jedes Exponat hat seine eigene Tafel mit Titel und Text. Sein Ansatz folgt immer demselben Prinzip: „Kann man es nicht noch einfacher ausdrücken?“ Denn die Besuchergruppen sind ziemlich vielfältig: Familien, Senioren oder Studierende. Wenn diese in die offenen, großflächigen Räume kommen, sollen sie Objekten begegnen, die dem Zusammenkommen und dem Dialog dienen.
Die aktuelle Ausstellung „Echt jetzt?! – Optischen Illusionen auf der Spur“ regt zum weiteren Dialog und Experimentieren an. Ein hinter einer Radfelge angebrachtes Bild verschwindet bei zügigem Drehen, da das Gehirn die visuellen Eindrücke nicht so schnell verarbeiten kann. Bei einem anderen Experiment tritt man vor einen Streifenspiegel, der Leerstellen hat. Eine Person stellt sich vor diesen und wird zerschnitten. Dem Gehirn macht es an dieser Stelle wenig aus, weil es die Silhouette wieder zu einem Ganzen zusammenfügen kann. Außerdem kann folgende optische Täuschung betrachtet werden: Ein Bild zeigt eine Bogenbrücke in Halbkreisform, die sich im Wasser spiegelt. Die reale und die gespiegelte Brücke bilden bei Betrachtung einen Kreis.
Die Dauerausstellung ist thematisch breit gestreut und widmet sich unterschiedlichsten mathematischen Phänomenen, wobei ein Raum der Kreiszahl Pi gewidmet ist. Um die Unendlichkeit dieser Zahl darzustellen, hat das Mathematikum eine Zahlenspirale gewählt, die auf einer Wand zu sehen ist. Dort sind sehr viele Nachkommastellen abgebildet. Des Weiteren ist auf dem Boden ein Kreis zu sehen, der in verschiedene Felder unterteilt ist. Dort können Besucher*innen die Zahl Pi ausrechnen. Indem sie die abgegangenen Schritte zählen, kommen sie bei der Summe immer auf die Kreiszahl.
In einem anderen Raum gibt es das Experiment der „getarnten Zeichen“. An der Wand ist eine runde Platte mit verstreuten Integralsymbolen zu sehen. Eine zweite drehbare Platte ist auf dieser abgebracht. Auf ihr sind Integrale zu finden. Die Besucher*innen beteiligen sich aktiv an dem Experiment, indem sie an dem Knopf in der Mitte der zweiten Platte drehen, so mischen sich die Symbole beider Platten und ergeben ein Stern-Symbol.
Doch Mathematik beginnt bereits vor dem Gebäude. Links vom Eingang finden sich bunte Metallrohre, die schon durch ihre Größe auffallen. Sie sind unterschiedlich lang, an der Unterseite geöffnet und regen nicht nur den Seh-, sondern auch den Hörsinn an. Wenn die Besucher*innen ihr Ohr an die Öffnung halten, erzeugt die Luftströmung Geräusche in verschiedenen Tonhöhen. Jeder Raum hat etwas Neues zu bieten. Obgleich der Name des Museums „Mathematikum“ lautet, ist bei allen Experimenten nahezu immer ein Bezug zur Physik erkennbar. Beide Disziplinen sind dabei nicht abstrakt, sondern spürbar in Bewegung.
In Zukunft will Beutelspacher die Qualität der Objekte noch weiter steigern. An den Räumlichkeiten ändert sich nichts. Stattdessen planen der Professor und sein Team auch den Verkauf von Objekten, zum Beispiel an die Universität Duisburg. Studierenden gibt Beutelspacher folgenden Rat: „Versuch nicht, dich an vermeintlich guten Ratschlägen, wo die besten Berufschancen liegen, zu orientieren. Sondern mach das, konzentriere dich auf das, was dich wirklich interessiert, und versuche, dort durchzublicken.“