Von Emma-Marie Magiera

Es ist kurz nach halb zwölf, als langsam Bewegung in die Räume von an.ge.kommen e.V. in der Hannah-Arendt-Straße kommt. Ehrenamtliche treffen ein, begrüßen sich, tragen Tische und Stühle in einen großen Raum, der an eine Aula erinnert. Zwei Beratungstische werden aufgebaut, Stühle zurechtgerückt. In einem angrenzenden Büro ist ein weiterer Platz, der später ebenfalls für Gespräche genutzt werden soll. Noch ist es ruhig.

Im Flur stellt eine ehrenamtliche Mitarbeiterin einen kleinen Stehtisch auf. Thermoskannen mit Kaffee und Tee werden bereitgestellt, Tassen dazugestapelt, daneben liegt eine Anmeldeliste. „Die füllt sich gleich“, sagt sie und lächelt. Sie heißt Eva und ist als Koordinatorin für die individuelle Begleitung zuständig. Um Punkt zwölf Uhr wird die Eingangstür geöffnet. Nach und nach betreten die ersten Menschen den Wartebereich. Frauen mit Kindern unterschiedlichen Alters, einzelne Männer, Jugendliche, ältere Personen. Es ist ein auffallend multikulturelles Publikum. Manche setzen sich still auf einen der Stühle, andere beginnen sofort miteinander zu sprechen. Offenbar kennen sich einige oder stammen aus derselben Region. Namen und Telefonnummern werden in die Liste eingetragen. Wer möchte, nimmt sich einen Tee oder Kaffee und wartet im Flur.

Mit jeder halben Stunde wird es voller. Gespräche vermischen sich, Kinder spielen leise, zwischendurch wird gelacht. Trotz der vielen Anliegen wirkt die Stimmung freundlich, beinahe entspannt. „Wir versuchen, dass es sich hier nicht wie ein Amt anfühlt“, erklärt mir Sarah, auch eine ehrenamtliche Mitarbeiterin, später. „Die Leute kommen oft schon gestresst genug.“ Ich sitze währenddessen mit einem ehrenamtlichen Mitarbeiter im Büro. Sein Laptop ist aufgeklappt, daneben liegen Notizzettel und ein Stift. Immer wieder geht er kurz zur Rezeption, wo ihm gesagt wird, wer als Nächstes an der Reihe ist. Dann öffnet sich die Tür des Büros, eine neue Person kommt herein.

Uns gegenüber nimmt ein Mann Platz, Anfang dreißig vielleicht. Er wirkt angespannt, in seinen Händen hält er einen Stapel Papiere, bestimmt 20 oder 30 Zettel, teilweise in Klarsichtfolien, manche im Briefumschlag, handschriftlich geschriebene Notizen und offizielle Dokumente. Er stammt aus Afghanistan, erklärt er uns, und lebt seit einiger Zeit in Deutschland, besitzt jedoch aktuell nur eine sogenannte Fiktionsbescheinigung, ein Dokument, das vorerst den Aufenthalt sichert, wenn der eigentliche Aufenthaltstitel abgelaufen ist. Im Gespräch erzählt er von seiner Vergangenheit: In Afghanistan habe er als Administrator für das Innenministerium gearbeitet, er zeigt uns Bilder, auf denen er dem afghanischen Vize-Präsidenten die Hand schüttelt. Seine Deutschkenntnisse sind begrenzt, aber er kann sich verständlich ausdrücken. Wo Worte fehlen, helfen Umschreibungen oder kurze Übersetzungen mit dem Handy.

Sein Problem ist schnell umrissen: Seit Monaten wartet er auf eine Rückmeldung der Ausländerbehörde. Unterlagen wurden bereits mehrfach eingereicht, zuletzt mit Unterstützung von Ehrenamtlichen von an.ge.kommen e.V. Die Antwort bleibe immer dieselbe: drei bis vier Wochen Bearbeitungszeit. Diese Frist sei jedoch längst überschritten. Insgesamt warte er nun seit etwa sechs Monaten.

Während sie gemeinsam die Dokumente durchgehen, wirkt er ratlos und überfordert. Immer wieder fährt er sich mit der Hand durchs Gesicht, schaut fragend. Er überreicht schließlich sein Handy und bittet den Ehrenamtlichen darum, die letzten E-Mails des Sachbearbeiters der Ausländerbehörde zu lesen. Darin steht schwarz auf weiß, dass die Bearbeitung mehrfach angekündigt, aber bisher nicht abgeschlossen wurde. Die Folgen sind für ihn spürbar: Seine theoretische Führerscheinprüfung könne nicht anerkannt werden, auch die B1-Sprachprüfung liege auf Eis, alles wegen der fehlenden Bearbeitung durch die Behörde.

Gemeinsam mit Cedric, dem ehrenamtlichen Mitarbeiter, dem ich heute über die Schulter schauen darf, wird eine neue E-Mail formuliert, sachlich, aber deutlich. Es wird um einen persönlichen Termin gebeten, die Dringlichkeit der Situation hervorgehoben. „Ich hoffe, dass sie diesmal antworten“, sagt der Mann, nachdem er die Mail abgeschickt hat. Am Ende der Beratung wirkt er ruhiger. Eine finale Lösung gibt es zwar nicht, aber Struktur, Orientierung und das Gefühl, nicht allein gelassen zu sein. Beim Abschied bedankt er sich mehrfach, auch wenn die eigentliche Lösung weiterhin aussteht.

In einem späteren Gespräch erklärt mir Cedric, dass genau hier auch die Grenzen der Arbeit von an.ge.kommen e.V. liegen. Die Zeit ist begrenzt und offizielle Zuständigkeiten und auch eine juristische Beratung kann und darf der Verein nicht leisten. „Wir können nichts entscheiden und keine Verfahren beschleunigen“, sagt er, „aber wir können helfen, den Weg verständlicher zu machen.“

Auch mir wird in diesem Moment deutlich, dass es in der offenen Sprechstunde nicht darum geht, sofortige oder abschließende Lösungen zu präsentieren. Vielmehr geht es darum, Menschen auf ihrem Weg zu begleiten: Unterlagen zu sortieren, Abläufe zu erklären, nächste Schritte gemeinsam zu formulieren und Ängste einzuordnen. Unterstützung bedeutet hier nicht, Probleme zu lösen, sondern Orientierung zu geben, gerade dann, wenn offizielle Stellen unerreichbar oder schwer verständlich erscheinen.

Später spreche ich noch mit einer anderen ehrenamtlichen Mitarbeiterin, Hannah. Sie betont, dass jeder, der zur Beratung komme, individuell gesehen werde. „Jeder steht hier als Mensch im Mittelpunkt“, sagt sie. Gleichzeitig falle ihr auf, „dass viele immer wiederkommen“, weil sie die deutsche Bürokratie nur schwer nachvollziehen könnten und langfristig kaum die Möglichkeit hätten, diese Prozesse eigenständig zu erlernen. Für die weitere Arbeit wünsche sie sich deshalb „mehr Schulungen für Ehrenamtliche“ sowie „eine bessere Kommunikation mit den Behörden, mit dem Jobcenter, der Wohngeldbehörde und der Ausländerbehörde“. Nur so ließe sich rückmelden, „dass bestimmte Anträge einfach viel zu schwer sind“ und besser vermitteln, „wie man Formulare liest, welche Unterlagen zusätzlich benötigt und wie Anträge richtig richtig ausgefüllt werden“.

Zurück im Flur ist der Wartebereich noch immer gut gefüllt. Eine andere ehrenamtliche Mitarbeiterin erklärt einer Familie, welche Unterlagen sie beim nächsten Mal mitbringen solle, und händigt ein kleines Mäppchen aus, in dem genau das notiert wird. „So können wir beim nächsten Termin direkt weiterarbeiten“, sagt sie. Einige Ratsuchende kommen regelmäßig und sind gut vorbereitet, andere sind zum ersten Mal hier und erfahren zunächst, welche Angebote der Verein insgesamt macht, von der offenen Sprechstunde über Deutschkurse bis hin zum offenen Treff im Café Toller.

Gegen 15:30 Uhr ebbt der Andrang langsam ab. Noch ein letztes Gespräch, dann beginnt der Abbau. Tische werden wieder zur Seite geräumt, Stühle gestapelt. Im Raum entsteht wieder Leere. Beim Zusammenräumen tauschen sich die Ehrenamtlichen kurz aus: über besonders komplizierte Fälle, über Erfolge, über Frust. „Heute war echt viel los“, sagt jemand, „aber es war ein guter Tag.“

Als um 16:30 Uhr die Tür geschlossen wird, bleibt der Eindruck eines Ortes, an dem Bürokratie zwar nicht verschwindet, aber ein Stück erträglicher wird. Die offene Sprechstunde von an.ge.kommen e.V. ersetzt keine Behörde, aber sie fängt Menschen auf, erklärt, begleitet und gibt Halt. Zwischen Wartelisten, Kaffeetassen und Papierstapeln entsteht hier etwas, das vielen sonst fehlt: Zeit, Verständnis und ein offenes Ohr.