Von Lilian Peters
„Dies ist eine Liebesgeschichte”, heißt es fettgedruckt auf dem Buchumschlag von Ozan Zakariya Keskinkılıçs Romandebüt „Hundesohn”. Doch wer eine Romanze erwartet, wird enttäuscht. Vielmehr schreibt Keskinkılıç über Liebe, die einen leiden lässt und den Protagonisten Zeko zum Jagen, Bellen, Winseln, Jaulen bringt, bevor er überhaupt auf Heilung von dieser bereits von Platon als „schwere Geisteskrankheit” titulierten Marter hoffen kann.
Keskinkılıç studierte Politikwissenschaften in Berlin, Wien und Cambridge. An der Humboldt-Universität zu Berlin schrieb er seine Dissertation zu “Muslimische Existenzkünste. Selbsttechniken und Subjektivierungsprozesse angesichts des antimuslimischen Rassismus”. Mit seinen gesellschaftskritischen Essays und Gedichten über Queerness, Mehrsprachigkeit und Rassismus hat er in den letzten Jahren in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur große Beachtung gefunden: Neben dem Non-Fiction Werk “Muslimaniac. Die Karriere eines Feindbilds” (2021) wurde auch sein Lyrikdebüt “Prinzenbad” (2022) von der Kritik gelobt. Inzwischen lehrt der Autor an Berliner Hochschulen über genau die Themen, die in seinem Gesamtwerk wiederholt auftreten: Diversity, Rassismus und Migration. Mit „Hundesohn“ gewann Keskinkılıç schließlich den “aspekte-Literaturpreis 2025” des ZDF für das beste deutsche Prosadebüt.
Im Mittelpunkt seiner Erzählung steht Zeko. Er lebt in Berlin, ist queer, Mitte zwanzig und Student. Seine Eltern kommen aus der Türkei, seine Großeltern sind Araber. Nachts hört er Bonapartes „Keine Zukunft” auf Spotify. „Ich will ganz leise sterben, ohne selber was zu merken, mich spurlos davonstehlen aus all meinen Werken, ich will keine Zukunft“, singt dieser sanft. Zeko ist außerdem Muslim. Beim Beten in der Moschee schaut er die Körper anderer Männer an. Er betet aber auch gerne, wenn er allein ist. Und er denkt an Hassan, den Nachbarsjungen seiner Großeltern in Adana, den er immer nur in den Sommerferien sieht. Ganz oft tut er das. Eigentlich immerzu. Auch, wenn er andere Männer über Grindr trifft – meistens für One-Night-Stands, manchmal auch für ein Date auf das kein zweites folgt. Da bringen weder regelmäßige Therapie noch die Pep Talks mit seiner besten Freundin Pari was. Selbst Kafka kann ihn nicht retten „but reading him helps not to feel so lonely while getting lost until you die”, erklärt er einem seiner flüchtigen Partner.
Zeko heißt eigentlich Zakariya. Das kommt von „ذَكَرَ (zakara)” und bedeutet „erinnern, erwähnen, gedenken.” Während er die Tage runterzählt, bis er Hassan wiedersieht, erinnert er sich. Vor allem erinnert er sich an Dede, seinen Großvater. An Dede, der als Friseur in Adana gearbeitet hat und mit seiner Schere die Sorgen anderer abschnitt. An Dede, der nun tot ist und ihm nur noch im Schlaf besuchen kann, den er nicht vergessen will und dessen traditionelles Leben bei ihm Spuren hinterlassen hat, wegen dem er jetzt „Dede Issues” hat. Dede hat Hassan nie gemocht. „Köpek oğlu köpek”, „Hundesohn”, beschimpfte er ihn. Es kann kein Zufall sein, dass man im Arabischen zu Hund „kalb” und zu Herz „qalb” sagt, findet Zeko.
Auf 219 Seiten begleitet man den Ich-Protagonisten in seinem Gefühlschaos, das sich an Stellen ganz melodisch, lyrisch und immerzu in zyklischer Struktur liest und mit mehreren Sprachen verbunden wird – also textuell keineswegs chaotisch angelegt ist. Mit seinem Protagonisten teilt sich Keskinkılıç dabei nicht nur den eigenen Namen, sondern auch seine Herkunft, Queerness und das Interesse an Literatur. Eine Tendenz der Gegenwartsliteratur, in Schrift und Handlung alltagsnah zu sein, ist hier durch das Aufgreifen von persönlichen Erfahrungen besonders gut gelungen. Gleichzeitig liest der Roman sich durch die Nähe zum realen, nicht permanent unterhaltenden Leben schleppend. Neben den sich immerzu wiederholenden Kafka-Referenzen, Grindr-Dates und inneren Monologen passiert auf Handlungsebene kaum etwas. Positiv gewendet konzentriert man sich beim Lesen dadurch umso mehr auf den Protagonisten – man selbst hat das ewige Runterzählen der Tage satt und fiebert gemeinsam mit Zeko dem Wiedersehen mit Hassan entgegen.
In „Hundesohn” schreibt Keskinkılıç über Liebe, Sehnsucht und darüber, wie es sich anfühlt, jemanden so sehr zu begehren, dass man sich selbst darin verliert. Mit Zeko und Hassan zeigt er außerdem, dass Begehren immer von äußeren Umständen gerahmt ist – dass dieses Gefühl eben nicht etwas ist, das immer und auf Knopfdruck erfüllt werden kann. Zekos Selbstsuche in diesem Begehren strukturiert dabei Keskinkılıçs Romandebüt, das einen – trotz trockener Handlung – in Zekos Gefühlswelt hineinzieht.
Ozan Zakariya Keskinkılıç: Hundesohn
Suhrkamp
219 Seiten
24 Euro
ISBN 978-3-518-43254-9
