Von Lilian Peters
Eine Spiegelpassage, ein riesiger Stahlkäfig, verfremdete Malereien: Es ist die Eröffnung der Ausstellung „Les gens ne disent presque rien” (dt. „Gesagt wird kaum ein Wort”) des französisch-beninischen Künstlers Roméo Mivekannin, die vom dem 18. Dezember 2025 bis zum 15. März 2026 in der Gießener Kunsthalle zu sehen war.
Mivekannin wurde 1986 an der Elfenbeinküste geboren. Gegenwärtig lebt er zwischen Toulouse und Cotonou (Benin) und promoviert an der École Nationale Supérieure d’Architecture de Montpellier. Seine Werke sind international präsent. Ausgestellt wurden sie unter anderem im Musée du Louvre-Lens (Frankreich, 2024/25), in der Galerie Barbara Thumm (Deutschland, 2024) und auf der Dakar Biennale (Senegal, 2022).
Bei der Werkschau in Gießen handelt es sich um Mivekannins erste große Einzelausstellung in Deutschland. Die Kunst, mit der die Besuchenden an diesem Abend in Berührung kommen, verbindet „Malerei, Installation und Archivforschung auf besondere Weise”, so Astrid Eibelshäuser, Stadträtin der Stadt Gießen. Zusammen mit Dr. Nadia Ismail, Leiterin der Kunsthalle und Kuratorin der Ausstellung, vermittelt sie den versammelten Kunstliebhabenden einen ersten Eindruck von den Werken, die einen Dialog zwischen europäischen kunsthistorischen Bildtraditionen und „Fragen nach schwarzer Identität, kollektiver Erinnerung und kolonialer Gewalt” eröffnen.
Am auffälligsten ist bei Mivekannins Kunst dabei eine für ihn charakteristische Maltechnik: Der Künstler zeichnet sein eigenes Gesicht in historisch ikonische Bilder ein. So zeigt eine Malerei Mivekannins Gesicht auf dem Körper einer Frau, die auf einem Stuhl sitzt. Um seinen Hals trägt der Künstler ein Schild mit den Worten „Ich bin aus der Volksgemeinschaft ausgestoßen!“. Die Besuchenden betrachten Mivekannins Aktualisierung einer Fotografie aus dem Jahr 1942, die eine deutsche Frau zeigt, die aufgrund ihrer als ‚rassenschändlich‘ geltenden Beziehung zu einem polnischen Mann öffentlich gedemütigt wurde. „Plötzlich dreht sich alles. Denn im Endeffekt ist es die Frage der Perspektive, wer auf diesem Stuhl sitzt und wer in diesem Moment die Person ist, die ausgeschlossen ist“, kommentiert Ismail. Mivekannins Blick ist intensiv. Seine anklagenden Augen begleiten die Besuchenden durch die gesamte Ausstellung.
Zentral im Saal der Kunsthalle ist eine riesige Stahlkonstruktion platziert. In einem 1:100 Maßstab ist „Atlas” ein Nachbau von dem nie realisierten ‚Führermuseum’, in dem Hitler angekaufte und beschlagnahmte Werke aus Europa sammeln wollte, die in seinen Augen als ‚wahre Kunst’ galten. Mivekannins jüngste Installation erinnert daran, wie die Nationalsozialisten Kunst enteignet und „als Instrument politischer Kontrolle” missbraucht haben, erklärt Eibelshäuser. Im kleinen Maßstab hängen drei weitere, kleinere Käfige, in ihrer Form modelliert unter anderem nach dem Haus der Deutschen Kunst in München. Sie sollen darauf aufmerksam machen, dass es immer noch Museen gibt, die ein postkoloniales Erbe in sich tragen. Eine Besucherin beschreibt die Stimmung in der Kunsthalle als etwas düster. Vor allem „Atlas” hätte eine angsteinflößende Wirkung, auch „weil der Käfig sich über den ganzen Raum erstreckt hat”.
In und um das gefängnisartige Konstrukt verteilt präsentiert Mivekannin mit Personen aus dem Publikum eine trilinguale Lecture Performance. Ein Mann trägt Paul Celans Gedicht „Argumentum e Silentio“ vor. „Jedem das Wort, das ihm sang und erstarrte”, hallt es in den stillen Raum.
Der Titel der Ausstellung ist angelehnt an ein Zitat der Dada-Künstlerin Hannah Höch. Mit ihren Kollegen kritisierte sie gesellschaftliche Strukturen und den Autoritarismus der Nationalsozialisten. Während der NS-Herrschaft lebte Höch zurückgezogen in Berlin-Heiligensee, ihre Kunst galt als ‚entartet’. Nachdem sie 1937 die Ausstellung „Entartete Kunst“ in München besucht hatte, schrieb sie in ihr Tagebuch: „Viele Gesichter sind verschlossen und auch ziemlich viel Opposition ist abzulesen. Gesagt wird kaum ein Wort.” Der Ausstellungstitel „Die Menschen sagen fast nichts” drückt eine Sprachlosigkeit angesichts erzwungener Untätigkeit aus und warnt zeitgleich vor einem passiven Gewähren des Faschismus. Höchs Gesicht ist eines von vielen, die den Besuchenden gleich in dem Bereich begegnen, der zum Ausstellungsraum hinführt. Ihr Bildnis ist eines von 61 weiteren Portraits von Kunst- und Kulturschaffenden, die Mivekannin einzeln auf Spiegel gemalt hat. „Pur Sang” heißt die Werkserie. Mit ihr hat der Künstler eine „Ahnengalerie des Widerstands“ kreiert, so Eibelshäuser. Sie reicht von der Zeit der NS-Diktatur bis in die Gegenwart. Neben den Portraits von Greta Thunberg, Ingeborg Bachmann, Malala Yousafzai, Otto Dix und Dr. Nadia Ismail gibt es aber auch unbemalte Spiegel. „Sie sind teilweise blind. Und das heißt, man ist im Prinzip immer wieder auch mit dem eigenen Spiegelbild konfrontiert“, erklärt Ismail. Das Wechselspiel zwischen Vergangenem und dem eigenen Dasein zeige, „wie dicht die Geschichte ist und dass man sich selbst auch zu dieser verhalten muss.”
In einem kleinen Raum, der mit einem schwarzen Vorhang vom Rest der Ausstellung abgetrennt ist, befindet sich schließlich eine Keramikskulptur, umringt von hunderten kleinen Päckchen, die mit Kaurimuscheln versehen sind. Bei dem Werk „Jèto” werden die Besuchenden unmittelbar mit Mivekannins spirituellem Erbe konfrontiert. In seinem Herkunftsland Benin ist Voodoo, eine westafrikanische synkretistische Religion, kulturell verankert. Im Rahmen der Ausstellung greift Mivekannin mehrfach auf die damit verbundene Heilungs- und Reinigungspraktiken zurück. So tunkt er die Tücher, die er bemalt, zunächst in Kräuterelixiere, um sie von negativen Energien zu befreien. Die, um die Skulptur verteilten Stoffpäckchen, sind „tilas”, Glücksbringer, die die Besuchenden mit nach Hause nehmen dürfen. Sie gelten als Schutz für das Gute und als optimistische Perspektive für die Zukunft. „Dieser letzte Raum ist in gewisser Weise ein Hoffnungsschimmer in einer Welt, die gerade aus den Fugen zu geraten scheint“, sagt Ismail.