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Von David Braun

Welche Ressourcen braucht eine Zukunft des Lesens? Zu dieser Leitfrage fand an der Justus-Liebig-Universität am 3. Dezember 2025 eine Podiumsdiskussion statt, die drei Referentinnen aus drei sehr unterschiedlichen Bereichen auf das Thema zusammenführte. Im gut besuchten Konferenzraum des International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC) diskutierten die Buchdesignerin Cosima Schneider, die Literaturvermittlerin und Journalistin Isabella Caldart sowie Anja Golebiowski, Referentin der Universitätsbibliothek Gießen. Moderiert wurde die Veranstaltung von Kirsten von Hagen, Professorin für französische und spanische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Universität Gießen.

Zentrales Thema der Diskussion war die Entwicklung von künstlicher Intelligenz und deren Einfluss auf Literatur. Auch darüber, wie der Einsatz von KI sich auf wichtige Kompetenzen wie das Lesen längerer anspruchsvoller Texte oder die Fähigkeit zu perspektivischem Denken auswirken könnte, wurde debattiert. „Offenheit einerseits, und ein kritischer Umgang andererseits, was KI betrifft“, lautete das Schlagwort, mit dem Moderatorin von Hagen die Diskussion eröffnete. „Oder wie sehen Sie das?“ Für Cosima Schneider – als Designerin der Reihe „Die andere Bibliothek“ verantwortend und für die Büchergilde Gutenberg tätig – ist der Einsatz künstlicher Intelligenz bei der Buchgestaltung keine Option. Der illustrative Nachwuchs müsse gefördert und dürfe nicht durch KI ersetzt werden. Bei der Gestaltung von Büchern gehe es für sie vor allem um eine nachhaltige Produktion. Und: „Liebevoll illustrierte Bücher sind ja auch ein gutes Mittel, um mehr Menschen zum Lesen zu bringen.“

Isabella Caldart, die als freie Journalistin vor allem die Schwerpunkte Literatur, Popkultur und Gesellschaft bedient, teilte die kritische Haltung von Hagen und Schneider. Sie machte auf die Gefahr aufmerksam, dass KI Übersetzer*innen aus dem Englischen zukünftig verdrängen könnte und plädierte für eine Selbstverpflichtung von Verlagen, den Einsatz transparent zu machen. Zudem erzählte sie den Fall einer Übersetzerin aus dem Niederländischen. Dieser wurde an Stelle eines eigenen Auftrags nur noch das Lektorat einer KI-Übersetzung angeboten – für etwa ein Viertel des Honorars.

Andererseits warb Caldart für Optimismus, was Neuerungen im Allgemeinen betrifft. Diese würden grundsätzlich immer kritisch gesehen. Es gelte, nicht die Augen vor solchen Entwicklungen zu verschließen, sondern mit diesen zu arbeiten. Sie hob etwa den Einfluss sozialer Medien wie TikTok hervor, die beim Leser*innenpublikum der 16-29-Jährigen für steigende Verkaufszahlen sorgen. Oder Hörbücher, die Leseschwellen überwinden oder eine Hilfe für Menschen mit Sehbehinderung darstellen könnten. Ob es dagegen möglich ist, Menschen über New-Adult-Romane, Fantasy oder Romantasy zu anspruchsvollerer Literatur zu führen, blieb offen. „Muss man erst ‚schlechte‘ Literatur lesen, um zu guter Literatur zu kommen?“, gab Moderatorin von Hagen zu Bedenken. Die sozialen Medien betreffend, machte sich Caldart dennoch für einen Abbau von Vorurteilen stark. So zeigte sie unter anderem zwei TikTok-Kanäle, die sich mit Klassikern beschäftigen und hohe Followerzahlen aufweisen. Ein Beispiel dafür, dass soziale Medien und anspruchsvolle Literatur sich nicht gegenseitig ausschließen müssen und die Vermittlung anspruchsvoller Texte über solche Kanäle gelingen kann.

Laut Anja Golebiowski kommen Bibliotheken – zuvor bereits von ihr als „Institutionen des Wandels und des ständigen Anpassens“ bezeichnet – nicht um den Einsatz von KI herum. Gleichzeitig teilte sie die Skepsis der anderen Diskutierenden. So sei KI allgemein anfällig für Fälschung, etwa bei Biographien. Eine weitere Herausforderung für Bibliotheken stelle die Digitalisierung von Inhalten und die Auswahl von Medienarten dar. So ergäben sich bei der Anschaffung von E-Books kommerzielle Abhängigkeiten, etwa bei der Langzeitarchivierung, wenn der Anbieter bankrott gehe. Bibliotheken stehen somit vor permanenten Entscheidungen, welche Flächen für Bücher zur Verfügung stehen und welche Medien digital angeboten werden können.

Einigkeit herrschte indes darüber vor, dass Lesen nach wie vor einen großen Stellenwert habe. So sei Lesen heutzutage eine wichtige soziale Tätigkeit, wie Caldart betonte, etwa in Buchclubs oder in Cafés. Buchmessen verzeichneten Besucherrekorde. Zuletzt öffnete die Frankfurter Buchmesse ihre Tore einen Tag früher für das Publikum. Für Cosima Schneider lag der besondere Stellenwert des Lesens wiederum gerade darin, dass es etwas Leises sei, etwas, das man für sich allein machen könne. Golebiowski stellte fest, dass die Besucherzahlen in Bibliotheken zunähmen. „Gebrauchsliteratur“, wie Bibliotheken sie anböten, werde auch in Zukunft nachgefragt sein.

Um Möglichkeitsräume des Lesens zukunftsfähig zu gestalten, sah Caldart ferner auch die Politik gefordert. Natürlich gebe es auch Einzelfälle, etwa die Trägerin des Deutschen Buchpreises Dorothee Elmiger, die erst einmal ausgesorgt habe, aber: „Nachhaltig sind solche Literaturpreise für einzelne Autorinnen natürlich nicht“. Es benötige eine wirksamere Strukturförderung für unabhängige Verlage.

Trotz einer abschließenden Fragerunde durch das Publikum konnten an diesem Abend natürlich nicht alle Fragen zur Zukunft des Lesens behandelt und geklärt werden. Lesefrühförderung oder die problematischen finanziellen Verhältnisse von Autor*innen blieben in der Diskussion unberücksichtigt. Wie und ob das durch soziale Medien neu gewonnene Lesepublikum auch für anspruchsvollere Texte begeistert werden könnte, wurde zwar kurz angeschnitten, aber nicht weitergehend diskutiert. Die Konzentration von Buchhandlungen und literarischen Veranstaltungen auf urbane Ballungsräume wurde nicht thematisiert oder problematisiert. Die Frage, wie der Buchmarkt und das Lesen an sich überleben sollen, nahm eine zentrale Rolle innerhalb der Diskussion ein. Wie wichtige und dauerhafte Werke, die nicht auf Breitenwirkung zielen, in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken könnten, blieb dagegen außen vor. Trotz der Bemühungen Caldarts mutete der Einfluss von KI in der Diskussion zumeist wie etwas gewaltsam Hereinbrechendes an und nur selten wie etwas, das selbst gestaltet werden kann und muss. Insofern bildete der Abend eher einen – ungeachtet mancher Auslassung – erhellenden Startpunkt, die Zukunft des Lesens aktiv weiterzudenken und mitzugestalten.