Von Lisa Tuscher
„Es geht um soziale Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, gute Herrschaft, Wertschätzung der Wissenschaft, moralisches Handeln und rechten Glauben“, so fasst Prof. Cora Dietl vom Institut für Germanistik die zentralen Motive der diesjährigen Weihnachtsinszenierung „Comedie von der freudenreichen Geburt Jesu Christi“ von Benedikt Edelpöck zusammen. Die Aufführung am 4. Dezember bot weit mehr als ein klassisches Krippenspiel. Wie bereits in früheren Jahren war die Pankratiuskapelle ein passender Ort für das historische Stück und auch diesmal wieder bestens besucht.
Inhaltlich setzt diese kritische „Komödie“ einen ungewöhnlichen Schwerpunkt auf den Kindermord von Bethlehem und hebt sich damit deutlich von typischen Krippenspielen ab, die häufig mit der Geburt Jesu Christi enden. Stattdessen richtet Benedikt Edelpöcks Werk den Blick auf die Ereignisse danach: Im Zentrum steht die Suche nach dem neugeborenen Jesus, die schließlich in den grausamen Kindermorden ihren dramatischen Höhepunkt findet. „Gegenüber anderen Weihnachtsspielen aus dem späten 16. Jahrhundert fällt besonders die Ironie des Stücks auf, die Grausamkeit und Ungerechtigkeit ausstellt, aber zugleich auch lächerlich macht“, erläutert Prof. Dietl.

Die eigentlich düsteren Szenen wurden in der Inszenierung somit bewusst mit Humor gebrochen. Statt realistischer Darstellungen nutzte das Ensemble Puppen und Kuscheltiere, die stellvertretend für die getöteten Kinder herhalten mussten und teils quer durch den Raum flogen. Außerdem wurde das Publikum auf spielerische Weise mit einbezogen: Mit einem Augenzwinkern suchten die SchauspielerInnen in den Zuschauerreihen nach „passenden Kindern“. Durch die bewusst komödiantische Darstellung gewannen diese Szenen an Leichtigkeit und entwickelten einen humorvollen Charakter, der das Publikum sichtbar unterhielt.
Zu den Kostümen erklärte Dietl: „Bei diesen standen wir vor der Wahl, ob wir zeitgenössische Kostüme aus der Zeit Jesu oder aus der Zeit Edelpöcks wählen. Wir haben uns für Letzteres entschieden, um zu verdeutlichen, dass hier keine originale Bibelerzählung dargestellt ist, sondern eine Deutung derselben aus dem 16. Jahrhundert.“
Mehrere Rollen wurden von einzelnen Schauspielenden übernommen, was der begrenzten Anzahl an Mitwirkenden geschuldet war. Aus diesem Grund seien einzelnen Passagen des Stücks gekürzt oder vollständig gestrichen worden, sodass der Spieltext auf etwa die Hälfte seines ursprünglichen Umfangs reduziert wurde. Das betraf einzelne Monologe; zudem seien sowohl der Prolog als auch der Epilog vollständig weggelassen worden. Darüber hinaus wurde der Text sprachlich modernisiert, um ihn für ein heutiges Publikum verständlicher zu machen.
Das Stück Edelpöcks entstand um das Jahr 1568 und ist in drei unterschiedlichen Handschriften, die lediglich geringfügige Abweichungen voneinander aufweisen, überliefert. Dies sei für eine Dramenhandschrift äußerst ungewöhnlich, erklärte Prof. Dietl. Umso schwerer sei daher die Entscheidung gefallen, stark in den Text einzugreifen: „Wir mussten das Stück von ursprünglich rund vier Stunden auf etwa 90 bis 100 Minuten kürzen.“

Die Inszenierung gliederte sich in fünf Akte, getrennt durch musikalische Zwischenspiele. Mit Liedern wie „O Heiland, reiß die Himmel auf“ und „Hört der Engel helle Lieder“ lud die Inszenierung das Publikum zum Mitsingen ein. Ergänzend erklangen polyphone Gesänge des 16. Jahrhunderts vom Band. Diese seien bewusst ausgewählt worden, „da sie inhaltlich gut zum Plot passen“, so Dietl. Ein Programmheft mit Liedtexten und weiteren Informationen erleichterte das Mitsingen.
Doch nicht nur das Publikum, sondern auch die Darstellenden waren aktiv gefordert. „Ich habe meine Rollen in der Reihenfolge gelernt, in der sie im Stück auftreten“, erzählte eine Studentin, die gleich drei Rollen spielte. Dabei sei ihr schnell klar geworden, dass Textlernen mehr bedeute als reines Auswendiglernen: „Man kann den Text zwar schnell lernen, aber das heißt nicht automatisch, dass man ihn auch perfekt vortragen kann.“ Erst durch die Proben habe sich Sicherheit eingestellt. „Durch die gemeinsamen Übungen hat es letztendlich sehr gut funktioniert“, so die Darstellerin.
Ihr war vor allem wichtig, die Botschaft des Stücks deutlich an das Publikum zu vermitteln. „Das Stück soll den Zuschauern in einem unterhaltsamen Rahmen die Freude über die Geburt Jesu und die Nähe Gottes zu den Menschen vermitteln, aber auch die Bedeutung von Gerechtigkeit und sozialer Verantwortung näherbringen, und ich finde, dass uns das gut gelungen ist“, erklärt sie. Dies gelang der Inszenierung offensichtlich: Das Publikum zeigte sich begeistert. Die Aufführung der Germanistik-Theatergruppe erwies sich damit nicht nur als gelungene Umsetzung eines historischen Textes, sondern auch als Einstimmung auf die Adventszeit.
