Von Franziska
Ein milder Juniabend in Gießen. An diesem Freitag erwartet die Besucher*innen der „Anschlussverwendung“ eine außergewöhnliche Begegnung mit Literatur. Mit „Worlds of the World“ wird hier erstmalig eine mehrsprachige Lesebühne zum Leben erweckt.
Die Idee dafür hatten Sarah Asad, Arpit Goel und Lukas Rosenstock. In ihrem beruflichen Alltag beschäftigen sie sich mit unterschiedlichen Bereichen – von Informatik, Wirtschaftswissenschaften bis Naturwissenschaften. Aber eine große Leidenschaft verbindet die Freunde: das Reisen. In einer bemerkenswert kurzen Vorlaufzeit von zwei Wochen hat das Trio den Raum gebucht, Flyer gedruckt, Gäste eingeladen und die Werbetrommel gerührt. Ein Wagnis! Doch der Raum füllt sich schnell und es wird klar: Die Idee trifft einen Nerv. Sie konnte nicht nur viele Gäste, sondern auch zahlreiche Vortragende anlocken.
Der Veranstaltungsort in der Grünbergerstraße gehört zur Genossenschaft „Raumstation3539“ und ist längst ein etablierter Ort für kulturelle Events: von Konzerten über Spieleabende bis hin zu Tanzkursen. Schon beim Betreten fällt der große Raum auf: Gemütliche Sofas und kleine Sitzgruppen verteilen sich um die unscheinbare Bühne. Pflanzen, Kunst und Bücher sorgen für eine Wohnzimmeratmosphäre. An der Theke des veganen Café, „Kü-Ché“, werden auf Spendenbasis Kaffee, Tee und kleine Snacks angeboten. Ein Wohlfühlort, an dem an diesem Abend zahlreiche Personen Texte teilen werden. Das Konzept ist einfach: Menschen bringen Werke mit, die ihnen besonders viel bedeuten. Ganz egal, ob selbst verfasst oder nicht. Die Gedichte, Lieder und Prosatexte werden in zahlreichen Sprachen vorgetragen – Englisch, Arabisch, Farsi, Aramäisch, Hindi, Spanisch und Deutsch sind nur einige davon. Viele Beiträge wurden im Vorfeld angemeldet, inklusive Übersetzungen, die nun ausgedruckt ausliegen. Wer möchte, kann mitlesen. Andere hören einfach zu und lassen Klang und Rhythmus der Sprachen auf sich wirken.
Die emotionalen Themen sind so vielfältig wie die Sprachen, in denen sie erklingen. Es sind Geschichten über Liebe, Familie, Trauer, Kindheit, über Sehnsucht und Glauben. Themen, die verbinden und jeder nachempfinden kann. Diese Verbundenheit prägt die Stimmung des Abends und ermutigt auch weitere Gäste spontan aufzutreten. Während ein Gast leidenschaftlich Shakespeare rezitiert, stimmt später ein anderer ein Lied aus seiner Kindheit auf Hindi an. Eine sehr persönliche Erinnerung an Familie und Traditionen, bei der selbst schiefe Töne nichts an der spürbaren Aufrichtigkeit des Moments ändern. Ein besonders bewegender Augenblick entsteht, als die erfahrene Poetry-Slammerin Isabella sich entschließt, zum allerersten Mal in ihrer Muttersprache Aramäisch aufzutreten und einen persönlichen Text vorliest. Nervosität macht sich breit, ihre Stimme stockt. Doch statt Unruhe oder gar Kritik spürt sie deutliche Unterstützung aus dem Publikum – freundliche Zurufe und die Bestärkung darin, dass auf dieser Bühne niemand perfekt sein muss. Später erzählt sie, dass bei klassischen Poetry Slams das Publikum oft strenger sei, manchmal sogar gnadenlos. „Hier erhält jede Person den Raum, den sie braucht“, bestätigt Gastgeberin Sarah.
Die Veranstaltung zeigt, wie interkultureller Austausch entstehen kann, wenn der Rahmen stimmt. Die Worte wirken nach, laden zu weiteren Gesprächen ein. Und tatsächlich bleiben einige am Ende noch länger und tauschen Gedanken über Sprachen, Erinnerungen und Kulturen aus.
Aus der Begeisterung des Abends soll eine neue Tradition entstehen. Für die Organisator*innen ist klar, dass dieses Format kein einmaliges Experiment bleiben soll. Sie wollen „Words of the World“ als regelmäßiges Event auf die Bühne zu bringen. Die nächste Veranstaltung findet am 16. Mai 2026 anlässlich der Gießener Kulturnacht im „The Keller Theatre“ (Bleichstr. 28) statt.