Von Katharina Heckhoff
„Ein Auslandssemester ist immer ein Sprung ins Unbekannte“, so beschreibt es Marie A. rückblickend. „Man wächst aber daran, auch wenn es manchmal sehr herausfordernd ist.“ Für ein Studium im Ausland, um andere Kulturen kennen zu lernen und neue Kontakte zu knüpfen, bietet sich das Erasmus-Programm an. Dessen Ziel ist es, die akademische Mobilität von Studierenden zu fördern. Im akademischen Jahr 2024/25 haben 568 JLU-Studierende am Erasmus+-Programm (Studium oder Auslandspraktikum) teilgenommen. Doch wie fühlt sich ein Auslandssemester wirklich an, wenn man kurz davor oder mittendrin steht? Drei Studentinnen erzählen.
Da ist Marie A. (L5, Englisch), die fünf Monate von September 2022 bis Februar 2023 in Istanbul verbrachte, Marie B. (Umwelt und globaler Wandel, B.A.), die sich von Oktober 2024 bis Ende Februar 2025 spontan für Wien entschied und Elisa (L5, Englisch), die im kommenden Wintersemester nach Cork in Irland aufbricht. „Insgesamt kann ein Erasmus+-Aufenthalt zwischen zwei und zwölf Monaten dauern“, so Marie A. Sie hatte Istanbul schon einmal mit den Eltern besucht und die Stadt gefiel ihr. „Ich wollte wieder ins Ausland und nach den Online-Semestern brauchte ich eine Abwechslung.“ Sie studierte fünf Monate an der privaten Hochschule Kültür University. Bei Marie B. war es weniger überlegt und doch nicht ganz zufällig. „Ich habe mich einen Tag vor Anmeldeschluss entschieden“, erzählte sie. „Wien stand auf der Liste und die Uni BOKU hat einen hervorragenden Ruf.“ In ihrer Freundesgruppe war schon lange die Idee aufgekommen, dass „wir alle mal ein Auslandssemester machen sollten.“ Bei Elisa begann die Bewerbung für das University College Cork in Irland früh. „Und viele denken wegen meiner Haarfarbe sowieso, dass ich Irin bin“, sagte sie schmunzelnd.
„Man sollte sich vorzeitig um ein Erasmus-Stipendium kümmern. Am besten ein Jahr im voraus. Sonst kann es ziemlich stressig werden“, rät Marie A.
Die ersten Tage in der Mega-Metropole waren für die Studentin ein Sprung ins Unbekannte: „Es war auf jeden Fall ein Kulturschock. Wenn man in Istanbul ist, hat man das Gefühl, man wäre in drei bis vier verschiedenen Städten. Es war auf jeden Fall sehr cool.“
Wien hingegen wirkte auf Marie B. fast schon zu geordnet. „Zwei Tage vor Studienstart bin ich durch die Stadt gelaufen und dachte: Ach, ist das schön hier.“ Die Wohnsituation der beiden war unterschiedlich. Marie A. fand über Facebook eine WG mit einer türkischen Mitbewohnerin. Marie B. lebte im Wohnheim. In einem Zimmer, „das regelmäßig an neue Erasmus-Studierende weitergegeben wurde.“ Elisa hat sich um einen Wohnheimplatz beworben.
Der Weg ins Ausland beginnt mit Formularen und Deadlines. „Das Motivationsschreiben war noch okay“, erinnert sich Marie A., „aber die unzähligen Unterlagen und das E-Mail-Chaos haben mich schon gestresst.“ Auch die Aufenthaltsgenehmigung erwies sich als Stolperfalle:
„Als deutscher Staatsbürger kann man 90 Tage lang ohne Visum in der Türkei bleiben. Vor Ablauf dieser Frist, muss eine Aufenthaltsgenehmigung beantragt sein. Sonst kann es ziemlich teuer werden“, so Marie A. Elisa, die ihren Auslandsaufenthalt noch vor sich hat, fürchtet eher, Deadlines zu verpassen: „Es sind viele Plattformen und Formulare. Ich habe Angst, den Überblick zu verlieren.“ Unterstützung findet sie nicht nur über das Akademische Auslandsamt in Gießen sondern auch über die Gasthochschule. „Man sollte sich frühzeitig beim Akademischen Auslandsamt informieren und sich dann über das Online-Portal mit Motivationsschreiben, Lebenslauf, Notenauszug und ggf. mit einem Sprachnachweis bewerben“, so Elisa. „Dann erfolgt die Bewerbung an der Partneruni und das Learning Agreement, in dem die geplanten Kurse festgelegt werden. Vor der Abreise müssen Förderantrag, Versicherung und ein möglicher Sprachtest erledigt sein.“ Im Gastland bestätigen verschiedene Zertifikate den Aufenthalt. Am Ende muss unter anderem ein Erfahrungsbericht eingereicht werden, damit die Leistungen anerkannt werden können.
Bei der Finanzierung half das Erasmus-Stipendium. „Die monatliche Rate an Mobilitätszuschuss wird auf der Basis von Ländergruppen berechnet“, so Maria A., „Das kann man auf der Uni-Website unter Erasmus+-Stipendienleistungen nachlesen.“ Der aktuelle Mobilitätszuschuss liegt zwischen 540 und 600 Euro pro Monat. Doch neben BAföG oder Unterstützung durch die Familie, mussten beide auch eigene Rücklagen einsetzen.
Schon bald wurde klar, dass der Uni-Alltag und Freundschaften den Alltag prägen würden. In Istanbul half die Einführungswoche Marie A. schnell Kontakte zu knüpfen. „Die türkischen Studierenden waren super offen und haben mich überall hin mitgenommen.“ Der Campus mit Palmen und Cafés wurde zum sozialen Mittelpunkt. Auch in Wien entstand Marie Bs. Freundeskreis ebenfalls während der sogenannten „Welcome Week“. Eine belgische Kommilitonin stellte sie ihrer französischsprachigen Gruppe vor. „Das war mein Kreis und wir haben viel zusammen gemacht.“ Neben dem Studium war viel Platz für Reisen. Marie A. entdeckte die Türkei, ging in Museen, wanderte und besuchte die Küste rund um Izmir. Marie B. fuhr spontan nach Kroatien, in die Slowakei, nach Ungarn oder Tschechien. Gemeinsam mit ihrer Gruppe unternahm sie Ski- Trips, ging feiern und genoss die Wiener Kaffeehauskultur. Und dann war da noch der Uni-Ball. Die Wiener Ballsaison findet in der Faschingszeit vom 11. November bis Faschingsdienstag statt. „Es war, als würde man in einem Film tanzen“, erinnerte sich Marie B. Ein passendes Kleid musste sie sich selbst organisieren.
In Istanbul erlebte Marie A. eine engere Betreuung als in Deutschland. „Dort gibt es Jahrgangssprecher, die alles mit den Dozierenden abklären. Es gibt ein Klassensystem. Du belegst mit allen Leuten immer die gleichen Kurse.“ Marie B. wiederum schätzte in Wien die Exkursionen, Übungen und die Anwesenheitspflicht. „In Deutschland sind die meisten Module bei mir Vorlesungen. Dort war es sehr viel interaktiver.“ Sprachlich war vieles einfacher als gedacht. In Wien konnte Marie B. frei zwischen Deutsch und Englisch wechseln. „Wenn wir aber alle sehr viel getrunken haben, war es sehr herausfordernd für mich, mich mit meinen Freunden zu verständigen, weil sie dann auf Französisch gesprochen haben.“ In Istanbul fanden die meisten Seminare auf Englisch statt. „Es gab auch ein paar Kurse, die auf Türkisch stattgefunden haben. Die habe ich aber nicht belegt, weil ich kein Türkisch kann.“ Sie besuchte aber einen Sprachkurs, auch wenn er „nicht ausreichte, um akademisch zu arbeiten“.
Am Ende ziehen beide ein klares Fazit: „Es verändert dich“, sagt Marie A. „Man wird selbstständiger und entdeckt neue Seiten an sich.“ Marie B. ergänzt: „Man muss über seinen Schatten springen und genau das macht mutiger.“ Beide würden Erasmus jederzeit weiterempfehlen. Elisa freut sich bereits auf „die irische Kultur, internationale Freundschaften und Spaziergänge am Strand“. Ein bisschen Sorge macht ihr das Wetter, der starke Akzent und die Frage, ob das Heimweh kommen wird. Doch auch Elisa ist überzeugt, dass die positiven Seiten überwiegen: „Ich möchte selbstständiger werden, neue Erfahrungen mit Menschen sammeln und später coole Geschichten erzählen können.“
