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Alltag für Autoren während der Corona-Pandemie

Von Deborah Kresov

Ein Virus zwingt die Welt zum Stillstand. Auch freiberuflich arbeitende Autor*innen sind von der Corona-Pandemie betroffen. Wie Künstler*innen mit der Situation umgehen und wie kreative Prozesse trotz des veränderten Alltags Früchte tragen, erzählen die Geschichten der im Exil in Deutschland lebenden Autorinnen Najet Adouani und Yirgalem Fisseha Mebrahtu.

Yirgalem Fisseha Mebrahtu lächelt. Die Lyrikerin, Journalistin und Schriftstellerin hat nicht zum ersten Mal Tage der Isolation hinter sich. Von der eritreischen Regierung eingesperrt, verbringt sie sechs Jahre im Gefängnis. Die Corona-Krise, so sagt sie, ist nicht so schlimm. Nur die Kreativität leidet: Ihre Gedanken schweifen oft ab, sie kann sich nicht auf das Schreiben konzentrieren. Der Einfluss der Pandemie auf den Alltag zeigt sich bereits bei der Interview-Situation: Die Gespräche finden via Online-Konferenz und auf Englisch statt. Ein kleiner Bildausschnitt ersetzt den persönlichen Kontakt und die Atmosphäre während eines Gespräches.

Das Schreiben und Vortragen von Gedichten fand die Autorin schon als Kind faszinierend, war eifersüchtig auf vortragende Lyriker und eiferte ihnen durch eigene lyrische Texte mit Begeisterung nach. Einen leichten Weg hatte sie damit nicht gewählt: Eritrea, so sagt sie, war und ist eines der gefährlichsten Länder weltweit. Freie Meinungsäußerung gibt es ebenso wenig wie Pressefreiheit. Ihre Schriften über Liebe, die aktuelle Situation des Landes, Sicherheit oder Politik konnte sie dort nicht publizieren – zu riskant.

Wie gefährlich dies ist, erfährt sie während ihrer Tätigkeit für ein Radio: Als die Regierung eines Tages beschließt, Hörfunksender zu verbieten, werden sie und ihre Kollegen festgenommen und im Militär-Gefängnis Mai Swra inhaftiert. Als Mebrahtu nach sechs Jahren freikommt, verlässt sie bei der nächsten Möglichkeit das Land. Ihre Flucht im März 2018 führt sie nach Kampala, wo sie sechs Monate bleibt. Dort bekommt sie während ihres sechsmonatigen Aufenthalts ein PEN-Stipendium in Deutschland.

© PEN-Zentrum Deutschland

Die international tätige Organisation Poets, Essayists, Novelists, kurz PEN, mit Sitz in Darmstadt bietet in Deutschland verschiedene Programme für gefährdete Autor*innen an, darunter das Writers-in-Exile-Programm. Dieses ermöglicht für drei Jahre die sichere Unterbringung der Schriftsteller*innen in verschiedenen Großstädten Deutschlands und wird aus Bundesmitteln finanziert.

Yirgalem Fisseha Mebrahtu ist eine von derzeit zehn Stipendiat*innen. Sie wird von der grassierenden Virus-Pandemie stark getroffen. Von ihrer sechsjährigen Zeit im Gefängnis erzählend, berichtet sie europaweit von ihren Erlebnissen in Gefangenschaft, als das Virus die Welt zum Stillstand zwingt. Viele ihrer Veranstaltungen werden abgesagt oder auf unbestimmte Zeit verschoben. Wann und wie sie ihre Lesungen fortsetzen kann, ist ungewiss.

Auch das Schreiben fällt ihr während der Krise schwer – zu groß ist ihre Sorge um ihr Heimatland und ihre dort lebende Familie. Ihre Kreativität ist blockiert. Eritrea, erzählt Mehbratu, ist ein Land mit vielen Problemen: Fehlende Elektrizität, kein Wasser und keine Medien, die über Hygienemaßnahmen aufklären. An Social Distancing sei ebenfalls nicht zu denken – dafür sei die gelebte Kultur zu nähebasiert. Die Chancen für einen guten Verlauf der Pandemie sinken damit erheblich. Bis die Krise überstanden sei, so die Autorin, könne sie sich nicht gut auf das Schreiben konzentrieren. Wenn sie schreibt, hindere sie ihre Sorge über die aktuelle Lage daran, ihre Gedanken nach Wunsch auf das Papier zu bringen. „Ich schreibe nicht so effektiv wie sonst“, sagt sie.

Anders bei der ehemaligen PEN-Stipendiatin Najet Adouani: Die kreativen Schreibprozesse der tunesischen Dichterin, Schriftstellerin und Journalistin haben sich nur bedingt verändert. „Man sieht viel mehr Details, die man zuvor nicht gesehen hat“, so die Autorin. „Die Pandemie verändert den Blick auf die Welt.“ Die Politik, die Wissenschaft, jede der Disziplinen habe eine eigene, bestimmte Sicht auf die aktuelle Lage. Der Schriftsteller hingegen, erklärt sie, sehe die Situation als Ganzes. Wenn sie schreibt, beleuchtet sie Situationen und Ereignisse von jeder erdenklichen Seite. „Ich schreibe für alle Menschen“, sagt Adouani. Das macht sich auch in ihren Gedichten bemerkbar. Sie schreibt über Obdachlose, Armut, Unterdrückung von Frauen und Kindern, Gefühle der Menschen. Ein Thema, das sie dabei immer wieder beschäftigt, ist die Freiheit. Sie mag keine Unterdrückung.

Das Schreiben findet bei beiden Autorinnen zu Hause statt. Najet Adouani schreibt am liebsten nachts, wenn es draußen still und sie alleine ist, um sich ganz auf ihre Gedanken konzentrieren zu können. Dazu hört sie sanfte Musik. Tagsüber, so sagt sie, ist es oft zu laut. Dann besucht sie lieber ein Café oder schaut einen Film.

Seit der Pandemie ist jedoch auch das viel schwieriger. „Ich gehe trotzdem raus“, sagt sie grinsend und erklärt, von dem Virus lasse sie sich nicht einschränken. Freunde trifft sie hingegen weniger. Zum Schutz der Gesundheit sei Social Distancing wichtig. Ihr Sohn beispielsweise habe ihr kürzlich einen Blumenstrauß vor die Tür gelegt, erzählt sie. 

Für die Zukunft wünscht sie sich, einen Verlag zu finden, der sie bei der Übersetzung und Veröffentlichung ihrer Gedichte und Romane in Deutschland unterstützt. Sie möchte ihre Poesie auch in andere Sprachen tragen, auch wenn Übersetzungen nicht immer das aussagen, was sie im ursprünglichen Text geschrieben hat. „Arabisch ist nicht einfach.“, sagt sie. Eins ihrer Bücher entstand während der Corona-Zeit. Sie widmet es ihrem Enkel. Denn, wie sie mehrfach betont: Sie schreibt für andere, nicht für sich.

Only flowers refuse sterilization 

by Najet Adouani

Sleep has escaped and your photo 

      fills my cramped room

No one but you pampered me,

 reminded me to wear my coat in winter 

     and my hat against the sun

You felt my pain before I spoke

you were my heartbeat 

     and my compass

For the first time I’m afraid

For the first time, I hate songs

For the first time my wine,

which I love in my lure, fails

Mother, your daughter is not afraid

    of outright death 

She would be very angry if 

    a gelatinous virus

can penetrate her thoughts

and burn her literary manuscripts

     who are not yet mature

How much I hate death my mother

This cruel death that stole you

     before meeting us

But here I am faced with something

     more serious than death

Be treated like dead before I die

See my body burned every morning

in the hospital oven for bacterial diseases

I’m slowly dying like a bouquet of roses

       that I couldn’t sterilize or sniff

because it is only the roses that reject

 foreign bodies and yearn for love

Berlin, 11.04.2020