Foto: Dr.Sylvia Asmus, DNB

Eine Ausstellung des Deutschen Exilarchivs 1933–1945/DNB Frankfurt erinnert an die Emigration Frankfurter Kinder.

Von Lea Möller und Thi Kim Dung Khuat

„Wer einen Menschen rettet, rettet eine ganze Welt“, sagte die prominente Journalistin Bärbel Schäfer bei der Eröffnung der Ausstellung Kinderemigration aus Frankfurt am 01.09.2021. Beherbergt in der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) in Frankfurt am Main, zeigt das Deutsche Exilarchiv 1933–1945 unter der Leitung von Dr. Sylvia Asmus, was Rettung bedeuten konnte.

In der Zeit zwischen November 1938 und Oktober 1941 emigrierten circa 7000 Frankfurter*innen, unter ihnen mindestens 600 Kinder. Für sie waren die sogenannten „Kindertransporte” häufig die einzige Rettungsmöglichkeit. „Für die Dauer der Ausstellung kehren sechs Kinder mit ihren Biografien in ausgewählten Exponaten in stilisierte kleine Zimmer nach Frankfurt am Main zurück”, so Dr. Asmus, Leiterin des Deutschen Exilarchivs 1933–-1945. Gezeigt werden die Biografien von Lili Fürst, Renate Adler, Elisabeth Calvelli-Adorno, Josef Einhorn, Karola Ruth Siegel und Liesel Carlebach, später bekannt als Lee Edwards. Parallel zu stilisierten Zimmern in der DNB, gibt es eine Online-Version der Ausstellung, wo die Kinder anhand von Briefen, persönlichen Erinnerungsstücken und Graphic Novels vorgestellt werden. Auf diese Weise bietet die Ausstellung auch auf virtuellem Weg die Möglichkeit, einen Ort des Erinnerns und der biografischen Begegnung zu schaffen.

Doch was hieß Exil für Kinder? „Die Trennung werde nur von kurzer Zeit sein, es werde alles gut”, so ist es in der Online-Version zu lesen. Doch auch wenn die Flucht Rettung vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten bedeutete, so war die Trennung von der Familie nicht kurz, sondern lang und schmerzhaft. Die meisten Familien sahen sich nie wieder.

Im Exil machte jedes Kind andere Erfahrungen. Karola Ruth Siegel, später Ruth Westheimer und bekannt als „Dr. Ruth“, reiste am 5. Januar 1939 mit dem Zug in den Schweizer Kanton Appenzell. Im Kinderheim Wartheim fand sie Zuflucht. Sie kümmerte sich dort um andere Kinder und wurde schnell zur „großen Schwester“, erfährt man im Comic zu Westheimers Biografie. Die Nähe zu den Kindern half ihr durch die für sie schwere Zeit. Doch auch der Briefwechsel mit ihren Eltern gab ihr Halt, bis sie 1941 deportiert wurden und der Kontakt für immer abbrach. In einem online verfügbaren, aufgezeichneten Gespräch mit Dr. Asmus wechselt sie zwischen dem Deutschen und dem Englischen: „Ich war ein … not a Holocaust-survivor, but an orphan of the Holocaust“. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte sie zunächst in Palästina in einem Kibbuz, in den 1950er-Jahren dann zeitweilig in Paris, bevor sie 1956 mit ihrem zweiten Ehemann nach Amerika auswanderte. Dort wurde sie später zu einer Ikone des US- Fernsehens. 1970 promovierte sie zunächst an der Columbia University, arbeitete in der Lehrerausbildung und bildete sich zur Sexualtherapeutin weiter. Ab 1980 erhält sie eine eigene Radiosendung und geht zwei Jahre später zum Fernsehen. Als „Dr. Ruth“ wird sie berühmt. 

Auch Lili Fürst wurde von ihren Erfahrungen geprägt. Für sie bedeutete Exil eine massive negative Belastung, denn sie lebte unter nicht kindgerechten Bedingungen. Obwohl die damals 13-jährige Lili erst 1939 in Malmö/Schweden ankam, versuchte sie noch im selben Jahr mit ihren Eltern in die USA auszuwandern, in der Hoffnung, wieder als Familie vereint zu sein. Jedoch ohne Erfolg. Trotzdem hielt Fürst bis 1941 engen Briefkontakt mit ihren Eltern. Dieser endet mit deren Deportation und Ermordung im Ghetto Litzmannstadt (Lodz). Lili Fürst musste den Haushalt ihrer neuen Pflegefamilie führen und sich um deren Neugeborenes kümmern. Und das, obwohl sie selbst noch ein Kind war. „Ich hatte kein besonderes Zimmer. Mein Bett stand in der Küche. Ich wurde ganz unzulänglich gekleidet und statt des Dankes für meine viele Arbeit zog ich häufig noch Prügel“, so heißt es in Lili Fürsts Schadensakte vom 13. September 1955. Auch war ihr Schulbesuch nur von kurzer Dauer. „Sobald ich eine Stellung bekommen konnte, verließ ich die Familie und nahm mir ein eigenes Zimmer, wo ich jahrelang unter großen Entbehrungen mein Leben fristete. Es stand dies in schreiendem Gegensatz zu der Wohlhabenheit meiner Eltern, die […] mir unter normalen Verhältnissen eine Ausbildung auf einer höheren Schule und ein Studium ermöglicht hätten“. Sie verklagt die bundesdeutsche Entschädigungsbehörde und beantragt für sich und ihre ermordeten Eltern Schadensersatz. Das Verfahren zieht sich bis in die 1960er Jahre, 5000 DM erhält sie schließlich. Zusammen mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern bleibt sie in Schweden und kehrt nie nach Deutschland zurück. Fortan arbeitet sie in einem Bekleidungsgeschäft. Am 14. März 1972 stirbt Lili Fürst bei einem Flugzeugabsturz.

An ihrem Schicksal lässt sich erahnen, dass Kindertransporte nicht nur eine Erfolgsgeschichte waren. Die dunkle Seite der Medaille umfasste potenzielle Erniedrigungen und nicht alle Kinder hatten die gleiche Chance, gerettet zu werden. Man entschied sich demnach auch bewusst gegen einige von ihnen. Während Jungen ab dem Alter von zwölf Jahren schwer zu vermitteln waren, hatten Mädchen bessere Chancen. Behinderte Kinder hingegen hatten keine Chancen. Für alle war der bürokratische Aufwand eine hohe Hürde. Das langwierige und komplizierte Verfahren  wurde vom Exilarchiv in einer Infografik veranschaulicht.

Das Denkmal „The Orphan Carousel – Das Waisen-Karussell“ von Yael Bartana in Frankfurt.
Foto: Alexander Paul Englert

Festzuhalten ist, dass die Kindertransporte und die damit verbundenen Exil-Erfahrungen, die Kinder nachhaltig geprägt haben. Zeitzeugin Lee Edwards wäre „nicht am Leben ohne den Kindertransport“. Die gebürtige Frankfurterin hatte sich schon im Jahre 2017 ein Denkmal zu Ehren der Kinder gewünscht. „Es wäre doch sehr schön, wenn in meiner Heimatstadt ein Denkmal sein würde für die Kindertransport-Kinder. […] Und ich möchte bitten, dass Sie sich eilen sollen, denn ich bin 93 Jahre alt“. Das Denkmal mit dem Namen „The Orphan Carousel“, entworfen von der Künstlerin Yael Bartana, hat Edwards sehr berührt, wie sie im April 2020 zu Papier bringt, denn sie war eines der Kinder, dem es gewidmet ist. Seit September 2021 befindet sich das Karussell an der Ecke Kaiserstraße/Gallusanlage in Frankfurt. Laut Ausstellung rückt es den Moment des Abschieds und die Abwesenheit der Kinder in den Fokus. Das Denkmal stellt ein Holzkarussell im alten Stil dar, kann genutzt werden, ist aber nur mit Mühe zu drehen – so online zu lesen. In die Seitenwände sind drei Sätze eingraviert. Sätze des Abschieds und der Vorfreude auf ein Wiedersehen, welches meist nie stattgefunden hat. Das Mahnmal gedenkt der damals von ihren Familien getrennten Kinder, aber auch der Kinder der heutigen Zeit, die aufgrund von Krieg ihre Heimat zurücklassen müssen. 

Die Ausstellung Kinderemigration aus Frankfurt des Deutschen Exilarchivs 1933–-1945 konnte von September 2021 bis Mai 2022 in der Frankfurter Deutschen Nationalbibliothek besucht werden. Nach wie vor ist sie online abrufbar unter: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/kinderemigration1933-1945/