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Von Julia Michaelis, 04.07.2022

6. Dezember 1982 – Der Tag, an dem ein Mörder geboren wird. Karl Heidemanns Lebenschronik setzt den Leser in einen dauerhaften inneren Konflikt – zwischen Verständnis für die kaputte Psyche des Protagonisten und kompletter, geradezu an Ekel grenzender Abneigung. Denn die Beweggründe für die Taten des Karl Heidemann sind sowohl erschreckend nachvollziehbar als auch einfach nur grausam. Als Leser*in befindet man sich während der gesamten Handlung auf einer wilden Achterbahnfahrt, die einfach nicht langsamer zu werden scheint. Für Liebhaber*innen und Kenner*innen des Genres: Vergleichbar sind der Ablauf und die Beweggründe mit dem deutlich bekannteren Roman von Patrick Süskind Das Parfum und doch scheint Raabs Geschichte ganz verschieden.

Die Geschichte beginnt, wie das Leben selbst, mit der Geburt des Protagonisten Karl Heidemann und endet mit dessen Tod. In 67 Kapiteln durchlaufen die Leser*innen bedeutsame Lebensabschnitte dieses Serientäters, lernen seine engen Bezugspersonen, aber auch Opfer kennen. Denn Karl leidet an einem sehr sensiblen Gehör, sodass alle Geräusche um ihn herum für ihn nur Schmerz bedeuten. Alleine im Tod findet er Ruhe und Frieden und so ist sein Lebensweg mit Leichen gepflastert.

Nach seiner lautstarken Geburt hört der kleine Karl nicht mehr auf zu schreien. Die Welt um ihn herum, jedes Geräusch und die Stimmen seiner Mitmenschen, sind für ihn nur ohrenbetäubender Lärm. Also entschließen sich seine Eltern, ihn abgeschirmt in einem ruhigen Keller aufwachsen zu lassen. Zu den einzigen Begleitern zählen eine Vielzahl von Büchern, die ihn ein anderes, heiles Weltbild denken und erträumen lassen. Nur seine nächtlichen Alleingänge, wenn die Welt für ein paar Stunden zur Ruhe kommt, lassen ihn erahnen, was in seiner nächsten Umgebung geschieht. Durch die Häuserwände und sein gutes Gehör lernt er das menschliche Verhalten in der Kleinstadt mit all seinen Intrigen kennen. Er beginnt, sich selbst zu entwickeln.

Der Tag, der alles verändert, ist der Geburtstag seiner Mutter. Charlotte zwingt den zehnjährigen Karl, mit ihr an den Weiher zu fahren. Was sich harmlos anhört, ist Teil eines subtilen Machtkampfes. Sie möchte, dass er seine Mutter als solche endlich akzeptiert und liebt. Doch dieser Liebeszwang endet in einer Katastrophe: Karl muss dabei zusehen, wie sie sich das Leben im See nimmt. Endlich fühlt er etwas: Liebe. Frieden. Erlösung. Und das Allerwichtigste: Ruhe. Und so lernt Karl, dass der Tod nichts Schlimmes ist. Nein, ganz im Gegenteil, er ist ein Geschenk, das er von nun an für den Rest seines Lebens weitergeben möchte:

Und wie er da kniend neben dem Weiher diesen unendlichen Frieden in sich spürte, diese Versöhnung, schälte sich aus all den vielen kurzen Sätzen, Aphorismen, die er so oft schon grübelnd, nichtsahnend in seinen Büchern gelesen hatte, einer heraus, wie ein Flüstern, und füllte sich mit Bedeutung, mit Sinn. […] Liebe. Ist es das? Hat sie seine Mutter erlöst?

Thomas Raab spielt mit verschiedensten literarischen Mitteln, die dem Roman einen fast schon poetischen und philosophischen Charakter verleihen, aber dem Leser auch einiges an Konzentration abverlangen: Schier endlose Sätze mit unzählbaren Kommata, reihenweise Aufzählungen von Verben, Nummern, Nomen, Verwendung von Zitaten versehen mit Fußnoten und Übersetzungen, prägen den Erzählfluss, durchbrechen aber auch immer wieder die Handlung. Dennoch ist das Buch ein purer Lesegenuss, wenn auch ein gezwungen langsamer.

Münder, die kaum geöffnet nur Lärm in diese Welt brachten, durch ein fortwährendes

Sprechen, Lachen, Zetern, Wüten,

Räuspern, Husten, Röcheln, Spucken,

Schlürfen, Schmatzen, Schreien, Grölen,

Johlen, Krächzen, Kreischen, Plärren,

Ächzen, Schnarchen, Jammern, Stöhnen,

Kichern, Seufzen, Schluchzen, Klagen …

Diese extreme Reihung der von Karl gehassten Lautäußerungen signalisieren seinen inneren Umschwung zum Serienmörder. Es ist der Moment, in dem Karl beschließt, seine Träume vom Tod wahr werden zu lassen und das Geschenk der Stille an die Bewohner*innen seines Heimatdorfes weiterzugeben.

Nicht nur in sprachlicher Hinsicht ist Still ein wirklich überraschender Roman. Er umkreist auch einen zentralen kriminalpsychologischen Aspekt und fragt danach, ob man als Mörder geboren oder dazu gemacht wird. Besitzt Karl dieses „Mörder-Gen“ oder hat er sich durch seine Taten selbst dazu entschieden? Oder wurde er durch andere zum Mörder gemacht? Das Leseerlebnis ist eine permanente Gratwanderung – geprägt von Mitgefühl und Hass für Karl Heidemann. Durch diesen Kontrast hebt Raab seine kriminologische Chronik auf eine neue, höhere Ebene – ein intensiveres Leseerlebnis, das auch für Nicht-Fans des Genres empfehlenswert ist und tief in die menschliche Psyche eines Mörders blicken lässt.

Raab, Thomas. Still. Chronik eines Mörders. München: Droemer Verlag 2016.