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Von Annika Schroetter, 24.08.2021

„Wir haben uns einmal ein Video von einer Late-Night-Show angeguckt. Da wurde das komplette Studio kaputt gemacht!“, berichtet die Studentin Tabea Marx über das Seminar Konzepte und Theorien des Komischen. Die Sequenz veranschauliche eine „Übertreibung“, die ein typisches Stilmittel der Komik ist. Aber warum finden wir etwas witzig? Diese schlichte Frage liefert Stoff für ein ganzes Semester.

Der Schwerpunkt des Kurses liegt auf der Theorie rund um das Themengebiet Komik, dem Forschungsgebiet von Prof. Uwe Wirth, der das Seminar leitet. Er ist der Herausgeber von Komik – ein interdisziplinäres Handbuch. Die Sitzungen finden jeden Dienstagvormittag statt und richten sich an Masterstudierende der Germanistik und der Angewandten Theaterwissenschaft der Justus-Liebig-Universität (JLU).

„Komik ist eine Eigenschaft, die Gegenständen […] zugeschrieben wird, wenn sie eine belustigende Wirkung haben.“ Diese Definition bietet Uwe Wirth in seinem Handbuch an. Tabea Marx findet die Auslegung schwieriger: „Jeder Autor versteht den Begriff anders“, erklärt die Studentin. Insgesamt sei aber deutlich geworden, dass Übertreibungen des Sachverhalts oder Tabubrüche häufig belustigend wirken. Auch die begriffliche Abgrenzung zum Humor sei Thema der Diskussionen gewesen: „Der Humor ist die Wirkung, die die Komik haben kann.“ Außerdem merkt die 25-Jährige an: „Ob etwas komisch ist, hängt letztendlich immer vom Rezipienten ab.“ Eine bestimmte Technik zur Komikerzeugung zu verwenden, sei also „kein Garant für einen Lacher“.

Im Kurs werden verschiedene Texte, wie Was darf Satire?von Jesko Friedrich, Der Fall Böhmermann von Gerhard Henschel oder Ethno-Comedy zwischen Inklusion und Exklusion vonHelga Kotthoffgelesen und anschließend diskutiert. Weitere Autoren, die Studierende aus anderen Zusammenhängen bereits bekannt sein könnten, sind Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse, oder Umberto Eco, Schriftsteller und Philosoph. Auch sie befassen sich in ihren Schriften mit dem Witz. „Einige Texte sind sehr anspruchsvoll und etwas kryptisch, das ist aber so gewollt”, berichtet Tabea Marx „Im Master braucht man einfach ein gewisses Niveau.“

Komisches ist oft kontrovers: Was die einen zum Lachen bringt, können andere als beleidigend empfinden. Ein Grund, weshalb auch moralische Grenzen in diesem Zusammenhang behandelt werden. Als Ausgangspunkt der Überlegungen dient der Artikel Was darf Satire (2009)von Jesko Friedrich, in dem deutlich wird: „Satire muss wehtun […], aber nicht durch sinnfreie Beleidigungen, sondern durch harte, treffende Kritik.“ Auch Tabea Marx stellt klar: „Man versucht mit Komik, die gesellschaftlichen Missstände zu spiegeln.“ Es wird also nicht nur die lustige Seite, sondern auch die kritische betrachtet.

Beispiele hierfür bieten die Untersuchungen der Bühnenprogramme von Kaya Yanar und Bülent Ceylan. Beide sind bekannt für ihre Darstellungen migrantischer Stereotypen. Der Diskussionsschwerpunkt liegt darauf, ob ihre Auftritte als humoristisch oder als beleidigend wahrgenommen werden. Diese Fragestellung wird mithilfe des Texts Ethno-Comedy zwischen Inklusion und Exklusion (2017) von Helga Kotthoff diskutiert. Festgestellt wurde, „dass jede Comedy, darauf herunterzubrechen ist, dass sie der Gesellschaft den Spiegel vorhalten möchte“, berichtet die Studentin. Das bedeutet, Ziel der Comedians sei es nicht, bestimmte Gruppen vorzuführen, sondern dem Publikum durch Überspitzung von Vorurteilen die Realität bewusst zu machen und so auf gesellschaftliche Probleme hinzuweisen.

Auch Der Fall Böhmermann (2016) von Gerhard Henschel thematisiert die Grenzen des Komischen an einem konkreten Beispiel: Ist Jan Böhmermanns „Schmähgedicht“, das in der ZDF-Sendung Neo Royale den türkischen Präsidenten Recep Erdogan verspottete, eine Satire oder ein Schlag unter die Gürtellinie? Der Kurs schaute sich den Videoausschnitt, in dem Jan Böhmermann das Gedicht vorträgt, an. Die Teilnehmenden sind sich einig: Es handelt sich um eine Beleidigung und nicht um eine Satire, da letztere immer das Ziel verfolgt, Missstände aufzudecken. Das „Schmähgedicht“ hingegen enthält zu großen Teilen herabwürdigende Unterstellungen gegen den türkischen Präsidenten.

Dozent Uwe Wirth erklärt auf Rückfrage, dass das Seminar Konzepte und Theorien des Komischen nicht seine erste Veranstaltung zur Komik sei. Er habe schon einige Kurse zum Thema geleitet, die immer andere Schwerpunkte hatten. Außerdem habe er vor, in Zukunft weitere anzubieten, die den Blick vor allem auf „Kulturen des Komischen“ richten. Somit steht fest, dass auch in Zukunft der Uni-Alltag der Studierenden an der JLU durch die Komik bereichert wird.