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Von Josephine Ellermeyer

In zum Teil fragmentarischen Erinnerungssequenzen eröffnet uns der Protagonist Édouard, der einst Eddy hieß, Einblicke in seine Vergangenheit. Édouard wuchs in einem ärmlichen Gebiet im Norden Frankreichs auf. Es werden vergangene Szenen der Kindheit aufgeblendet, die sich ihm eingeprägt haben. Er spurt sein bisheriges Leben nach und scheint dabei unentwegt suchend.

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Ein Teil der Geschichte ist an den Vater adressiert und umfasst eine fiktive Aussprache mit ihm. In dieser erklärt Édouard, dass er aus dem Dorf, in dem er aufwuchs, herausmusste, um Distanz zu erhalten: zu seiner Herkunft, dem Milieu seiner Kindheit, seiner eigentlich schon vorgezeichneten Lebenslaufbahn. Diese Distanz ist nicht geografisch erreichbar, sondern allein durch Bildung. Aber Édouard lernt mit dem Gang auf das Gymnasium in Amiens auch, dass sich seine Herkunft in ihn eingeschrieben hat und er Klassenzuschreibungen nicht einfach entkommen kann. Er sehnt sich nach Ausbruch, nach einem anderen Dasein – weg von Armut und handwerklichem Schuften, hin zum Zugang zu Bildung und kulturellen Gütern.

Scham haftet an allem, was seine Vergangenheit betrifft, von der er sich radikal abgrenzen will. Von allem, was sein Milieu kennzeichnet und auf Mittellosigkeit hinweist: seine schiefen Zähne, die Berufe seiner Eltern, sein gesamter Name. Film, Kunst und Literatur sind für ihn ein rettender Anker und die Möglichkeit, in ein neues Leben zu treten. Seine zunehmende Bildung, die ihm sowohl auf dem Gymnasium als auch durch seine beste Freundin Elena vermittelt wird, distanziert ihn immer weiter von seinem Elternhaus. Er möchte Rache nehmen an seiner Kindheit, deren Gefangener er anscheinend noch immer ist; von den Erniedrigungen und Demütigungen, die er damals aufgrund seiner vermeintlichen Andersartigkeit als schwuler Junge erfuhr.

Seine persönliche Veränderung bezeichnet er als „Wut“ und „Verwandlung“ und sie geschieht, indem er andere nachahmt. Widersprüchlich ist, dass sein Wunsch nach einem anderen Leben mit der Gewissheit einhergeht, seinen Vater zu enttäuschen, wovon er sich trotz seines Bedürfnisses nach totaler Abgrenzung nicht ganz freimachen kann. Er merkt, dass er nicht in beide ‚Welten‘ gehören kann: Die Welt seiner Vergangenheit und diejenige, die sich ihm in Amiens eröffnet, stehen in unauflösbarem Widerspruch.

Édouard wird von der Angst beherrscht, dass seine Vergangenheit ihn stets einholen könnte. Aus diesem Grund muss er unentwegt flüchten. Keine Entfernung – geografisch und intellektuell – scheint groß genug zu sein. Jedes erreichte Ziel ist lediglich ein Zwischenschritt zu einem nächsten, größeren. Rastlosigkeit und Verlangen nach Veränderung bestimmen das Erzählen und treiben die Handlung voran.

Édouard Louis schreibt eindrücklich, schonungslos und transparent von seinem stetigen Bemühen, ein anderer zu werden.

Louis, Édouard. Anleitung ein anderer zu werden. Aus dem Französischen von Sonja Finck. Berlin: Aufbau 2022.